Stadtverbesserer

Sie wartet, ich pressiere

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Problem ist: Sie will ­sicher sein, dass wir am Bahnhof den Anschluss erreichen. Darum drängelt die Freundin nach dem Frühstück, wenn ich die Zähne putze. Würden wir in Feldtal den Bus verpassen, wäre am HB der Zug weg, und das wäre echt nicht gut.

Die Diskussion verläuft dann jedes Mal gleich: «Schatz», sage ich, «habe ich jemals einen Zug verpasst?» – «Auch schon, ja.» – «Wann denn?» – «Du hast mir erzählt, dass du einmal den Zug verpasst hast.» – «Weil ich den Bahnhof nicht kannte. In Winti passiert das nicht.» – «Und wenn es einen Gleiswechsel gibt?»

Es geht gar nicht um die Zeit. Es geht darum, dass es zwei Typen von Menschen gibt.

Selbstredend kann diese Konversation kein gutes Ende nehmen, vor allem nicht, wenn sie ins Allgemeine abgleitet. Eigentlich lernt man ja in jedem Paartherapiegrundkurs, dass man die Worte «du» und «immer» nicht im selben Satz verwenden darf.

Eine Möglichkeit wäre, früher aufzustehen. Das probierten wir aus und stellten fest: Es geht gar nicht um die Zeit. Es geht darum, dass es zwei Typen von Menschen gibt – Warte-Typen und Pressier-Typen. Stehe ich fünf Minuten früher auf, trinke ich fünf Minuten länger Kaffee – ich gehe nicht früher weg.

Deshalb gibt es auch nur eine Lösung: Verlässt sie eben vor mir das Haus, ich dann später. Voraussetzung für ein Happy End ist, dass ich das Triumphgefühl unterdrücke, wenn ich zur Bushaltestelle komme, an der sie wartet. Jetzt bloss nicht an­fangen mit: «Und, sahst du den früheren Bus noch wegfahren?»

Problem gelöst, und trotzdem ist das Ganze ja etwas peinlich. Da ist man in einer Beziehung, und jeder geht allein. Was kommt wohl noch, machen wir die nächste Wanderung separat, ich gehe hinten herum auf den Berg und sie vorne? Oder wie wäre es, wenn jeder für sich verreist? Treffpunkt wäre dann wieder am Flughafen oder besser gleich zu Hause, damit ich in der Ankunfthalle nicht auf sie warten muss.

Als ich das letzte Mal zur Bushaltestelle kam, ergriff ich fest die Hand der Freundin. Wir halten zusammen, Warte-Typ und Pressier-Typ.

(Der Landbote)

Erstellt: 06.09.2018, 13:24 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare