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Spekulieren über Spekulatius

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Mit dem kühleren Wetter kommen auch die entsprechenden Herbst-Winter-Waren: Mützen, Schals, Glühweintassen gibt es zu kaufen und auch das Gebäck im Titel dieser Kolumne. Nicht nur schmeckt dieses fein, sondern heisst auch toll, ja geradezu spektakulär, nämlich «Spekulatius».

«Woher der Name wohl kommt?», so hab ich mich gefragt, als ich gestern zum Kaffee in eines hineingebissen hab. Und während ich so gekaut und gerätselt hab, ist mir aufgefallen, dass wir Letzteres – das Rätseln, mein ich, nicht das Kauen – allmählich verlernen.

Nachgeschlagenes Wissen ist zwar präzise, das selbst gemachte Spekulieren hingegen ist poetisch.

Seit wir nämlich mit unseren Mobiltelefonen das Universallexikon immer in der Hosentasche mit uns herumtragen, schauen wir kurzerhand die Antwort nach, anstatt uns lange mit der Frage rumzuschlagen. Warum über Spekulatius spekulieren, wenn sich doch alle Unklarheiten mit ein paar Klicks klären lassen?

Bloss übersehen wir dabei, dass das Spekulieren nicht einfach der Gegensatz von Wissen, sondern selber eine höchst kreative Tätigkeit ist. Nachgeschlagenes Wissen ist zwar präzise, das selbst gemachte Spekulieren hingegen ist poetisch.

Wir könnten zum Beispiel spekulieren, dass die Kinder einst die rechteckigen Guetsli als Spielgeld verwendet haben und diese darum Spekulanten-Guetsli genannt haben. Oder haben gar umgekehrt die Spekulanten ihren Namen vom Gebäck? Konnte man nicht in der Antike edle Gewürze als Währung verwenden?

So wäre es doch durchaus nachvollziehbar, dass die Geldhändler aus den Gewürzkuchenhändlern, also die Spekulanten aus den Spekulatiusanten hervorgegangen sind. Oder hat Spekulatius vielleicht was mit Speck zu tun und war ursprünglich eine Fleischpastete, ehe es dann aufgrund eines Abschreibefehlers bei der Rezeptweitergabe zum Süssgebäck wurde?

So wie Marcel Proust bei seinen in den Tee getunkten Madeleines die verlorene Zeit wieder in den Sinn kommt, so fabulieren wir uns bei den Spekulatius Geschichten zusammen, von denen wir zwar wissen, dass sie wohl nicht stimmen, aber dafür umso mehr Spass und wahrscheinlich auch klüger machen.

Dumm wird nämlich nicht, wer sich im Spekulieren versucht, sondern wer die eigene Gehirnakrobatik mit einem allzu schnell gezückten iPhone immer gleich abwürgt. Denn bedenken wir: Nie werden wir auf neue Ideen kommen, wenn wir immer bloss nachschlagen, was ist, anstatt uns auszudenken, was sein könnte.

Erstellt: 23.10.2019, 11:09 Uhr

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