Tribüne

Standing Ovation!

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Die Vorstellung war gut, so gut wie die meisten in einem Theater in irgend einer Schweizer Stadt. Zum Schluss durften die Schauspieler einen verdienten langen Applaus entgegennehmen. So war es bisher.

Neu ist aber in letzter Zeit Folgendes : Nach dem Ende des Stücks klatschen ein paar Zuschauer besonders frenetisch. Scheinbar sind sie vom Gebotenen total hingerissen. Sie rufen «Bravo!» und stampfen mit den Füssen und - jetzt kommts - sie stehen auf.

Einige Sitznachbarn werden mitgerissen, einige Leute stehen auf, weil sie sonst nichts mehr sehen, und sobald eine kritische Masse erreicht ist, steht auch der Rest noch auf, weil man ja nicht unangenehm auffallen will. Da haben wir sie, die «Standing Ovation», das Grösste, was an Jubel in einem Theater möglich ist, eine Geste des kollektiven Ausflippens für etwas absolut Sensationelles.

Je länger je mehr gehen mir all diese stehenden Ovationen auf den Sack.

Ein paar wenige Male im Jahr in New York oder London mag das noch angehen, aber bei uns in der Schweiz? Und dies bei praktisch jeder Premiere? Es gab einige wirklich gelungene Szenen, zwischenhinein hängte das Stück aber auch etwas durch und neben den beiden Talenten wirkten auch einige weniger Begabte mit. Gut? Ja, aber nicht aussergewöhnlich.

Die Schweiz leidet unter einer «Standing-Ovation»-Überflutung. Das Aufstehen ist zur Manie geworden, und die ehedem höchsten Weihen kaum mehr etwas wert.

Ich gehöre meistens zum oben beschriebenen Rest, und je länger je mehr gehen mir all diese stehenden Ovationen auf den Sack. Oft sind solche Freudenskundgebungen nämlich alles andere als spontan, sondern ganz im Gegenteil von langer Hand geplant und orchestriert.

Wenn Jugendliche der zweiten Besetzung ihren Kollegen auf der Bühne zujubeln, finde ich das noch sympathisch, aber wenn Erwachsene nur zu dem Zwecke dasitzen, um am Schluss eine Standing Ovation zu provozieren, ist das so etwas von peinlich.

Was soll das? Ein Grosserfolg soll herbeigeklatscht und möglichst verstärkt werden, damit die Journalisten beeindruckt sind und positiv schreiben und auch die Mund-zu-Mund-Propaganda von einem tollen Erfolg ausgeht. Statt dass der Applaus der reale und verdiente Lohn für die Schauspieler auf der Bühne ist, verkommt er zum Werbeinstrument.

Künstlicher Applaus als PR-Massnahme, eine subtile Art von ! Irgendwie passt das in unsere heutige Zeit, wo ja im Internet auch jeder Furz zu einem Weltereignis emporgejubelt wird.

Ein Trost bleibt: Wenn die Show nicht wirklich hinhaut, nützt auch die schönste Standing Ovation bei der Premiere nichts, letztmals erlebt bei der Genfer Skateboard-und-Tanz-Show in Winterthur. Rund die Hälfte der Vorstellungen musste wegen des zu geringen Interesses abgesagt werden.

Ich hasse Standing Ovations! Ausser natürlich ich stehe selber auf der Bühne und bekomme eine…

(Der Landbote)

Erstellt: 15.02.2019, 16:56 Uhr

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