Unter dem Strich

Swiss Quality

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Es ist 19 Uhr 29, Sie hören das ‹Echo der Zeit›.» Stimmt, denke ich mit einem Blick auf meine Armbanduhr. Vermutlich stimmt es auch, dass Bernina-Nähmaschinen zu neunzig Prozent in Thailand hergestellt werden, wieim Radio gerade gesagt wurde.Daran denke ich aber nicht, wenn ich an Bernina-Näh­maschinen denke. Das liegt am Bergnamen und daran, dass ich dabei an Steckborn denke, wo die Firma ihren Hauptsitz hat; den sah ich einmal von weitem, von oben zum See hinunter­gehend. «Von hier kommen also diese Nähmaschinen, deren Name mir vertraut ist, meine Mutter hatte eine», dachte ich. Ihre war noch gelblich-beige und aus Metall, heute sind sie weiss und vermutlich aus Kunststoff. «Aus dem Thurgau kommen sie, vom Bodensee», dachte ich, diese ­Erkenntnis war damals neu für mich. Der Name Bernina hatte mir immer gefallen. Die Nähmaschine meiner Mutter war massiv und schwer wie ein Felsblock.

Jetzt muss ich mir Thailand ­dazudenken. Nähmaschinen aus Steckborn-Thailand. Der kontinentübergreifende Spagat gelingt locker, ich stelle mir eine Landkarte vor, die Distanz überwinde ich mit den ausgestreckten Fingern meiner rechten Hand schneller als der Airbus, meine Vorstellung von Thailand ist noch vage.

Herstellungsbezeichnungen wie Thailand oder Türkei kommen mir exotisch vor. Nehme ich einen beliebigen Gebrauchsgegenstand aus Kunststoff zur Hand, steht mit einiger Wahrscheinlichkeit «Made in China» drauf. Zum Beispiel auf diesem Bleistiftspitzer von Faber-Castell («since 1761»), einer Firma mit Sitz in Stein bei Nürnberg, wie ich aus dem Netz erfahre.

Kürzlich ging eine Bekannte von mir an der Zürcher Bahnhofstrasse ins Schuhgeschäft Bally: Bally, Bahnhofstrasse, Zürich, Schweiz. Seit Jahrzehnten trug sie Bally-Schuhe. Nun war die Firma, wie sie gerade erfuhr, im Frühling von einer chinesischen Firma gekauft worden. In diesem Moment betraten chinesische Touristen den Laden und riefen: «Ah, Swiss Quality!» Sie ist ein universaler Wert, die Swiss Quality, ihr Geltungsbereich übersteigt sogar den der Menschenrechte. Vom Verkauf profitierten laut «Handelszeitung» deutsche Milliardäre, denen Bally bis ­dahin gehört hatte.

Vor einiger Zeit brauchte ich eine neue Käseraffel. In einem grossen Supermarkt im ehe­maligen Winterthurer In­dus­trie­­gebiet wurde ich fündig, sie war aus gelbem Kunststoff und leider, wie sich herausstellte, völlig unbrauchbar. Hergestellt in China, ist sie geistiges Eigentum der Firma Zyliss («Switzerland 1951» lese ich auf der Webseite). Später kaufte ich in einem kleineren Supermarkt eine namenlose, billigere Raffel aus Metall, sie funktioniert leidlich, ist mühsam zu reinigen und kommt aus China.

Die Fluglinie Swiss («Schweizer Qualität – Jetzt buchen und geniessen!») gehört der deutschen Lufthansa. Die Firma Swissport mit Sitz in Opfikon, laut Wiki­pedia die grösste Firma der Welt, die auf den Flughäfen die Flugzeuge auftankt und den Gepäckverlad organisiert, gehört dem chinesischen Konzern HNA. Trotzdem denken wir beim ­Anblick der roten Logos an die Flagge des Staates Schweiz.

Schweiz bedeutet: Wir sind es! Es kommt gut! Sie haben die richtige Wahl getroffen! Aber sind tatsächlich wir es? Oder sind es Chinesen? Oder sind wir Chinesen? Oder wer sind wir?

Die alten und neuen Aktienbesitzer von Bally, Zyliss, Bernina, Swiss, Swiss Life, Swissport und Appenzeller Käse sind mir in Wirklichkeit so fremd wie alle Bewohner des Staates China. Höre ich etwas von ihnen, so muss ich, wenn ich ehrlich bin, zugeben, dass sie mir chinesisch vorkommen, ich kenne sie so wenig wie den Tennisspieler Roger Federer und die Skifahrerin Wendy Holdener, von denen ich wenigstens weiss, wie sie aus­sehen. Vom Winterthurer Immobilienbesitzer Stefanini weiss ich, dass ihm das Sulzer-Hochhaus gehört hat, aber ich kannte ihn nicht, ich habe ihn nur einmal von weitem gesehen, er schob einen Einkaufswagen vor sich her, er sah nicht so aus, wie man sich Immobilienbesitzer vorstellt. Beim Erscheinen einer Biografie und in Nachrufen brachten die Zeitungen Fotografien, auf denen er zu sehen war.

Die wenigsten von uns kennen prominente Personen persönlich, umso mehr eignen sich ihre Namen für das mediale Theater der euphorischen Zustimmung. Um zu sehen, was ich meine, können die Wörter «Roger» und «Federer» und «Wendy» und «Holdener» schwärmerisch ausgesprochen werden, in einem Tonfall, als sei man erleichtert, dass es noch ewige Wahrheiten gibt, mit einer kleinen Pause zwischen Vor- und Nachname, in der man kurz den Atem anhält, so wie die Kommentatoren beim Fernsehen SRF, wenn ein Sieg feststeht, der dann immer ein Sieg für uns, für die Schweiz ist.

Zuletzt also die Frage: Sind wir die Schweiz? Ja, warum nicht, besser als, sagen wir, Schwanensee. Beständiger, verlässlicher. Schöner Glanz, gute Aussichten, Swiss-Performance-Index. Aber nicht billiger, das nicht. Qualität hat eben ihren Preis.

Erstellt: 18.12.2018, 16:32 Uhr

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