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Umfragen

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Früher einmal wurde jede Umfrage sehr kritisch beurteilt. Wer hatte sie ausgeführt? Wer war befragt worden? War die Hochrechnung von tausend (angeblich) repräsentativen Personen statthaft? Selbst wenn kein Haken an der Sache gefunden wurde, nahm man das Resultat zurückhaltend zur Kenntnis.

Und heute? Heute wimmelt es in den Medien nur so vor Umfragen. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass in irgendeinem Medium bekanntgegeben wird, was «die Schweizer» alles so meinen. Hinterfragt wird nichts mehr, geglaubt wird alles.

Oder täusche ich mich? Paradoxerweise stossen diejenigen Umfragen, die nach den seriösesten Kriterien durchgeführt werden, noch immer auf die grösste Skepsis. Fernseh-Einschaltquoten und Tendenzmeldungen vor Abstimmungen werden bezweifelt.

Gegen die Zeitumstellung sind in Tat und Wahrheit interessierte deutsche Computerbesitzer, und nicht die «EU-Bürger»

Zu Unrecht! Kritisiert werden kann allenfalls, dass die Genauigkeit, z.B. +/- 2 %, nicht erwähnt wird. Aber sonst? Im Zeitalter des Internets kann gleich jeder mit seiner eigenen Volksbefragung loslegen. Von einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung kann dann allerdings keine Rede sein.

Es stimmen nur Leute ab, die einen Computer besitzen, logisch, und meistens nur die, welche sich durch ein Thema besonders betroffen fühlen.

Die Leser einer ganz bestimmten Zeitung oder Homepage haben die meisten einen ähnlichen sozialen Hintergrund und vertreten die gleiche Generation, den gleichen Landesteil usw. Solche Umfragen sind das Papier, respektive den Klick nicht wert!

Gemäss einer Umfrage haben sich ja «die EU-Bürger» für die Abschaffung der Winterzeit ausgesprochen. Die EU-Bürger? Es machten vor allem Deutsche mit (die EU zählt 28 Mitgliedsstaaten), alle natürlich im Besitz eines Computers (was bei vielen Menschen in Osteuropa nicht der Fall ist). Es waren wohl alle, wahrscheinlich aus beruflichen Gründen, am Thema interessiert.

Gegen die Zeitumstellung sind also in Tat und Wahrheit interessierte deutsche Computerbesitzer, und nicht die «EU-Bürger». Neulich wurde ich am Telefon zu irgendeinem Thema befragt. Wie wohl die meisten Menschen in einer solchen Situation wünschte ich mir, dass dies nicht allzu lange dauern würde.

Beruf? - Ich arbeite beim Fernsehen. - Fernsehen? Da habe ich nur Fernsehverkäufer zur Auswahl. Geht das? Ging natürlich nicht. Aber bei wievielen anderen Fällen liessen es die Befragten wohl gut sein, weil sie das Gespräch so rasch als möglich beenden wollten? Wie seriös und aussagekräftig würde das Ergebnis also sein?

Wenn viel zu wenige Personen mitmachen, hilft die Flucht in die Prozentzahlen. «Ist Schach Sport?» hiess einmal die Frage in einer Sportzeitung. Resultat: 99:1% Ja! Gemäss den gängigen mathematischen Regeln hatten also wenigstens 100 Leute mitgemacht. Ein Redaktor gestand mir später, es hätten lediglich 8 (!) Schachspieler geantwortet.

Weil 100:0 etwas blöd ausgeschaut hätte, hätte man daraus ein 99,1 gemacht und an der Eindeutigkeit der Aussage damit ja nicht viel geändert. 8 Schachspieler, die etwas suggerieren «was die Schweizer finden», ist in meinem persönlichen Erfahrungsschatz immer noch absoluter Rekord!

Doch was lese ich hier Erfreuliches: Die meisten Schweizer glauben nicht mehr an die Aussagekraft von Umfrageergebnissen. Dies geht aus einer neuen Umfrage hervor... (Bernard Thurnheer)

Erstellt: 19.10.2018, 13:10 Uhr

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