Zum Hauptinhalt springen

Von Taschen und Gedanken

Warum Lomo den halben Einkauf vergisst.

Johannes Binotto

Auch daran erkennt man, dass man älter wird und nachdenklicher. Früher, da hab ich in jugendlicher Unbeschwertheit mein Velo hin und wieder noch unabgeschlossen am Bahnhof hingestellt, heute überlege ich mir sogar bei meinem Turnsack zweimal, ob ich den jetzt auf dem Velo lassen kann. Zum Beispiel gestern, da bin ich nach dem Schwimmen noch rasch in die Migros und hab die Tasche mit dem nassen Badezeug auf dem Gepäckträger gelassen, zwecks grösserer Handfreiheit im Laden. Drinnen hab ich mir dann aber doch laufend überlegt, ob vielleicht jetzt grad, wo ich vor dem Öl mit Sonnenblumen drauf stehe, sich vielleicht jemand draussen meine ebenfalls geblümte Tasche schnappt. Der Dieb würde sich allerdings schön wundern, wenn er dann in seinem Versteck statt Luxusgütern nur meine feuchten Shorts zutage fördert. Vielleicht durchsucht er die Tasche allerdings ohnehin schon vorher und wirft sie weg.

Würde ich nicht vielleicht so den Dieb gerade anspornen, die Flasche zu klauen?

Sollte die Tasche weg sein, werde ich mich auf jeden Fall in der näheren Umgebung genau umschauen. Wobei ich ja zugeben muss, dass die gestohlene Badehose wohl gar nicht so ein herber Verlust wäre. Schliesslich wollte ich mir ohnehin schon längst eine neue kaufen und auch die Schwimmbrille ist eigentlich schon seit längerem nicht mehr zu gebrauchen. Die beschlägt nämlich jeweils nach nur einer Länge und auch sämtliche im Internet nachgelesenen Tricks, wie man das beheben kann, haben daran nichts geändert.

Ich müsste also vielleicht dem Dieb gar dankbar sein, wenn er mir endlich den Grund liefert, eine neue zu kaufen. Andererseits aber geht es ums Prinzip: Stehlen tut man nicht. Und stimmt, ich hab ja auch noch die Trinkflasche in der Tasche, die ich zum Geburtstag geschenkt gekriegt hab und um die täte es mir nun wirklich leid.

Wenn ich jetzt nachher aus der Migros rauskomme und schon von weitem sehe, wie jemand in meiner Tasche «umenoderet», würde ich vielleicht rufen: «Du kannst alles mitnehmen, aber bitte verschone die Flasche!» Oder würde ich nicht vielleicht so den Dieb gerade anspornen, die Flasche zu klauen? Allmählich wurde es mir dann doch immer unwohler und ich hab mich beim Einkauf sehr beeilt. Als ich dann zu meinem Velo kam, war die Tasche da und unversehrt. Nur das Sonnenblumenöl, das habe ich nun prompt zu kaufen vergessen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch