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Wie Rauchen mit Zigarettenspitze

Ein befreundeter Verleger hat mir letzthin erzählt, wie er während eines Langstreckenflugs ein Buch verschlungen habe. Da sei irgendwann die Flugbegleiterin bei ihm vorbeigekommen und habe zu ihm gesagt: «Sie Armer, jetzt sind sie schon so lange am Lesen und finden doch keinen Schlaf.»

Dass er das Buch aus Interesse und nicht etwa als Sedativ am Lesen war, konnte sie kaum glauben. So weit ist es also schon gekommen, dass Bücher nur noch als Schlafmittel zugelassen sind.

So weit ist es also schon gekommen, dass Bücher nur noch als Schlafmittel zugelassen sind.

Tatsächlich kommt mir manchmal die Befürchtung, das Bücherlesen im öffentlichen Raum könne schon bald so exotisch werden wie das Rauchen mit einer Zigarettenspitze. Selbst jenen Buchhändler, der mich früher mit Boris-Vian-Bänden versorgte, sehe ich seit einiger Zeit im Bus nur noch auf sein Smartphone schauen und dort drauf irgend so ein nervöses Spiel mit farbigen Kreisen spielen.

Umso positiver überrascht war ich, als gestern im Zug der Mitreisende mir gegenüber nicht nur in einem Buch zu lesen anfing, sondern sich dieses sogar noch als eines meiner Lieblingsbücher entpuppte. So hab ich dann den Rest des Weges dar­über nachstudiert, ob ich was sagen solle. Leser müssen schliesslich zusammenhalten. Nur tun andererseits wir Schweizer uns mit dem ungefragten Ansprechen von Fremden eher schwer.

Ich bin da keine Ausnahme. Ist das nicht sehr komisch, hab ich mich gefragt, jetzt einfach zu quatschen anfangen? Und was soll man da sagen? «Wie finden Sie das Buch?» Klingt bös nach Anmache, als ob es mir gar nicht wirklich um das Buch gehe. Soll ich stattdessen gleich berichten, wie ich damals eine Stunde lang geweint habe, als im siebzehnten Kapitel . . .

Das ist dann vielleicht wiederum etwas gar intim. Und überhaupt: Was mach ich, wenn der andere mein Lieblingsbuch gar nicht so toll findet, sondern vielmehr zu stänkern anfängt und darüber schnödet, dassim vierten Kapitel . . . Das wäre ja megadoof: Da trifft man mal wieder jemanden, der auch noch öffentlich Bücher liest, und findet nur heraus, dass dieser Jemand total blöd ist. Wie deprimierend wäre das denn?

Also hab ich nichts gesagt. Aber gegrübelt hab ich dann doch den ganzen Weg. Und weil so beim Grübeln an Bücherlesen natürlich überhaupt nicht zu denken war, hab ich stattdessen mal rasch im Internet nachschauen wollen, ob eigentlich auch schon jemand über dieses Phänomen was geschrieben hat.

Und das war dann genau der Moment,in dem der Mann gegenüber aufgeschaut hat und sah, wie ich in mein Digitalgerät stierte. Und ich weiss auch ganz genau, was er sich dabei dachte: Aha, wieder so ein Depp, der keine Bücher mehr liest!

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