Pro und Contra

Wie soll es weitergehen in Rheinau?

Soll der Versuch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen in Rheinau nach der gescheiterten Geldsammelaktion trotzdem weitergeführt werden?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

PRO

Jakob Bächtold, stv. Chefredaktor

Bis jetzt war das «Projekt Grundeinkommen» in Rheinau eine grosse Show. Medien aus der ganzen Welt reisten im letzten Halbjahr ins Dorf an der Rheinschlaufe, um über das aussergewöhnliche Experiment zu berichten. Gemeindepräsident Andreas Jenni wurde sogar vom brasilianischen Fernsehen interviewt. Dass 770 Einwohner, über die Hälfte der Rheinauerinnen und Rheinauer, beim Projekt mitmachen wollten, war eine erste Überraschung, die für Aufsehen sorgte.

Eine noch grössere Überraschung wäre eine erfolgreiche Finanzierung gewesen. Doch letzten Dienstag um 14:26 Uhr stand endgültig fest, dass das Sammelziel von über sechs Millionen Franken verfehlt worden ist. Und das bei Weitem. Nur etwas mehr als 150'000 Franken kamen zusammen. Zur Erinnerung: Wären die ganze Summe eingegangen, hätten alle Teilnehmer im nächsten Jahr ein Grundeinkommen von 2500 Franken erhalten, egal, ob sie arbeiten oder nicht.

Die Empfänger liessen sich mit dem jetzigen Projekt also finden, die Spender dagegen liessen auf sich warten. Dieses Ergebnis des Experiments überrascht kaum jemanden.

Eine kleine Überraschung war wiederum, dass die Initiantinnen um die Filmemacherin Rebecca Panian, am Dienstag nicht gleich einen Schlusstrich zogen. Stattdessen soll die Dorfbevölkerung am kommenden Montag darüber beraten, ob oder wie das Projekt weitergehen soll. In Anbetracht der Stimmungslage vieler Rheinauerinnen und Rheinauer an der Gemeindeversammlung vom Dienstagabend stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass das Experiment auf die eine oder andere Art in eine Fortsetzung geht.

Eine Zusatzrunde würde dem Rheinauer Projekt guttun. Denn bis jetzt war es nicht mehr als eine Spielerei. Dass sich ein Grossteil der Einwohner auf die Idee einliess, dass im Dorf viele Diskussionen stattfanden, das ist alles schön und gut. Der entscheidende Punkt an der Idee des Grundeinkommens ist aber die Finanzierung. Und da ist das Rheinauer Experiment grandios gescheitert.

Wenn die Rheinauerinnen und Rheinauer nicht bloss als kuriose Fussnote in die Geschichte der Diskussionen um das Grundeinkommen eingehen wollen, dann müssen sie nachlegen. Vielleicht mit einem kleineren Testlauf, an dem sich Dutzende statt Hunderte beteiligen. Oder mit einem seriöser aufgegleisten Geldsammelprojekt. Oder mit einer noch besseren Idee.

Bisher hatte das Projekt «Dorf testet Zukunft» ganz viel Rückenwind. Jetzt klatschen nicht mehr alle. Es wird schwieriger – aber auch interessanter. Darum sollen die Rheinauerinnen und Rheinauer weiterdiskutieren. Gerne auch mit etwas weniger Showeffekt, dafür mit mehr Inhalt.

KONTRA

Markus Brupbacher Redaktor Region

Die Kritik am Rheinauer Grundeinkommen-Versuch erntet selber Kritik. «Die machen wenigstens etwas», «Es ist der Neid!» oder «Wer nicht will, der findet Gründe»: Nicht willens, neidisch und träge – solche Dinge kriegen die Kritiker zu hören. Und dann bricht die Initiantin vor laufenden TV-Kameras in Tränen aus. Böse, wer jetzt noch auf sie eindrischt. Manchen Berufskollegen fehlte bisweilen die kritische Distanz. Wohl, weil sie persönlich von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens derart angetan sind.

Dabei geht es um die Sache und nicht um die Personen hinter dem Experiment. Nur: Diese haben das Scheinwerferlicht gesucht, haben im Juni medienwirksam die Rheinauer Gemeindeversammlung geentert, um ihre Idee zu platzieren. Wahrlich ein Coup, das Medienecho war riesig, auch international. Doch ob des Medienhypes gingen im berauschten Blätterwald drei Kritikpunkte fast unter. Erstens: Die Dauer des Versuchs ist viel zu kurz. In einem Jahr stellt niemand sein Leben um, er oder sie macht höchstens Ferien. Zweitens: Das wissenschaftliche Begleitteam bringt kein Forschungskonzept zustande. Drittens: Die Sammelfrist für 6 Millionen Franken ist viel zu kurz.

Die Rheinauer hätten etwas gewagt, heisst es jetzt nach dem Scheitern des Experiments. Und im Dorf hätten viele gute Gespräche stattgefunden, Gemeinschaft sei entstanden. Über Gott, die Gesellschaft und das Grundeinkommen Gespräche führen, das ist gut. Und dass nun der Dorfzusammenhalt grösser ist, prima. Aber worin liegt das Wagnis? Dass man sich 2500 Franken geben lässt, ohne etwas dafür tun zu müssen? Das Projektteam hat jene vergessen, die das Ganze hätten finanzieren sollen. Ihnen wurde das Gefühl vermittelt, sie seien die Dummen, dass sie Geld nur unter Bedingungen kriegen – Arbeit nennt man das. Bei allen Problemen, Roboterisierung und Digitalisierung: Die Initianten machen die Lohnarbeit schlecht. Sie tun so, als würden wir wie Sklaven ausgebeutet. Wir müssen arbeiten für einen Lohn, ja. Aber viele tun das gerne, was sie für Geld tun. Und die Prophezeiung, dass einst Maschinen den Menschen ersetzen, die traf schon im Zuge der Industrialisierung nicht ein. Es entstehen ständig neue Berufe und damit neue Arbeit.

Soll das Rheinauer Experiment eine zweite Chance erhalten? Die letzte Glut am Glimmen gehalten, Gesprächskreise gebildet werden? Im privaten Rahmen – warum auch nicht. Im öffentlichen Scheinwerferlicht aber wird nichts mehr gehen, die Luft ist draussen, das Licht ist aus. Die Medien werden nicht mehr extra nach Rheinau pilgern. Die schönen Bilder des historischen Städtchens sind um die Welt. Jetzt sollte es darauf achten, nicht zur Lachnummer zu werden. (landbote.ch)

Erstellt: 07.12.2018, 17:27 Uhr

Jakob Bächtold, Stv. Chefredaktor.

Markus Brupbacher Redaktor Region.

Artikel zum Thema

Grundeinkommen gescheitert, Projekt geht trotzdem in Zusatzrunde

Rheinau Keine wundersame Spende in letzter Minute: Dem Projekt «Dorf testet Zukunft» fehlen Millionen. Die Initiantin will den Versuch trotzdem noch nicht beenden. Mehr...

Grundeinkommen: Von «megacool» bis «peinlich»

Rheinau Was sagen die Rheinauerinnen und Rheinauer zum Experiment mit einem Grundeinkommen im eigenen Dorf? Eine Umfrage. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!