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Wir Kinder des Prokrustes

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Vom Riesen Prokrustes erzählt die griechische Mythologie, er habe ein Bett besessen, in das zu legen er alle Besucher aufforderte.

Wenn die Besucher zu gross waren und ihre Beine über den Rand des Bettes ragten, dann hackte Prokrustes die überstehenden Gliedmassen kurzerhand ab. Waren sie zu klein, dann reckte er ihnen die Glieder auseinander und steckte sie auf dem Amboss in die passende Länge.

Was Prokrustes offensichtlich abging, ist das, was man «Formatbewusstsein» nennen könnte: das Wissen, dass dasselbe Medium nicht für jeden Inhalt taugt. Und genau dieses Formatbewusstsein scheint nicht nur dem antiken Riesen, sondern auch vielen von uns abhanden gekommen zu sein.

Wer ernsthaft meint, 280 Zeichen einer Kurznachricht seien ein adäquater Ersatz für ein halbes Jahrhundert Geschichtsforschung, der entwickelt wohl noch so manch andere abgründige Auffassungen. 

Wie sonst kann man es sich erklären, dass ein Internet-Model ihre Trauer um den verstorbenen Vater so glaubt kundtun zu müssen, dass sie ein mit Tränen-Emoticons verziertes Selfie von sich neben dem Toten auf Instagram stellt.

Derweil regiert der amerikanische Präsident mittels Twitter-Nachrichten. Dass es gute Gründe gibt, warum über bestimmte Fragen lange Bücher, statt kurzer Tweets geschrieben werden mussten, kann Trump sich nicht vorstellen. Heute glaubt indes längst nicht nur er, es lasse sich jeder Gedanke auf Sloganlänge zurechtgeschnippeln, damit er auf ein «Käppi» oder ein hetzerisches Wahlplakat passt.

Dass in Minuten aufgewärmte Mikrowellenmenüs kein wirklicher Ersatz für ein stundenlang im Ofen geschmorter Braten sein können, weiss jeder, der schon mal beides probiert hat. Aber bei der geistigen Nahrung fressen wir immer noch allzu breitwillig an Fast Food. Debatten werden am Fernsehen geführt, nicht als richtige Diskussionen, sondern lieber als Statement-Schlagabtausch, mit einer Stoppuhr moderiert.

Was nicht passt, wird auf Sendelänge passend gemacht. Und so muss man sich dann auch nicht wundern, wenn – wie jüngst geschehen – vormals unauffällige Politiker auf die Idee kommen, in einem Tweet zu verkünden, dass dieser Hitler doch wahrscheinlich gar nicht so schlimm gewesen sein könne, wie immer behauptet.

Dabei ist die nachgereichte Verteidigung, man habe sich doch nur um eine differenziertere Geschichtsschreibung bemüht, fast am alarmierendsten. Wer ernsthaft meint, die 280 Zeichen einer Kurznachricht seien der adäquate Ersatz für über ein halbes Jahrhundert Geschichtsforschung, der entwickelt wohl noch so manch andere abgründige Auffassungen.

Wenn wir alle nicht rasch unser Formatbewusstsein schärfen, dann werden wir herausfinden, dass man im Prokrustes-Bett nicht bloss die Füsse riskiert, sondern schnell auch Kopf und Kragen.

(Der Landbote)

Erstellt: 24.07.2018, 17:04 Uhr

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