Tribüne

Wir sind immer unterwegs

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Es ist nach Mitternacht, als ich, von einer Klassenzusammenkunft kommend, am Hauptbahnhof Winterthur eintreffe. Trotz der späten Stunde herrscht ein reges Treiben, zahlreiche Nachtschwärmer sind unterwegs. Eine Gruppe junger Frauen - alle in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit, eine trägt einen Brautschleier - lässt auf dem Bahnhofplatz eine Flasche Champagner kreisen. Der bevorstehende Lebensabschnitt wird gefeiert.

Im Gehen lasse ich die Klassenzusammenkunft vor meinem inneren Auge Revue passieren. Ich habe mich mit Menschen unterhalten, die ich alle zehn Jahre einmal treffe. Oberflächlich ist eine Vertrautheit da, eigentlich ist man sich fremd. Man tauscht sich über Beruf, allfällige Kinder und Wohnsituation aus, erzählt Anekdoten aus der Schulzeit. Beim letzten Treffen hatte ich gerade meine Scheidung hinter mir, war alleinerziehend, das Ergebnis meiner Anwaltsprüfung ausstehend. Meine früheren Schulkollegen schienen mir so erfolgreich in Beruf und Familie, fest verankert in ihren Leben.

«Verliebt, getrennt, erkrankt, ausgewandert - alles ist möglich. Jederzeit. Wir sind immer unterwegs.»

Ein betrunkener Zwanzigjähriger, der ohne die Hilfe zweier Freunde nicht mehr gehen kann, kreuzt meinen Weg. Ich hoffe, ich werde meinen Sohn nie in einem solchen Zustand erleben. Ich würde in Tränen ausbrechen. Oder schreien vor Wut. In zehn Jahren ist viel geschehen. Wider Erwarten habe ich erneut geheiratet, ein zweites Kind bekommen. Ich arbeite als Anwältin, ich schreibe. Eine meiner früheren Schulkolleginnen ist von ihrem Mann verlassen worden, einer leidet an einem Burn-Out. Der Banker hat seinen Job geschmisssen und braut nun Bier. Die Musikerin hat einen Preis gewonnen. Einer ist kürzlich doch noch Vater geworden.

Aus den geöffneten Fenstern oberhalb der ehemaligen Metzgerei Gubler dröhnt laute Musik, untermalt von Stimmengewirr und Gelächter. Ich sinniere darüber nach, was in weiteren zehn Jahren sein wird. Wenn man den Statistiken glaubt, wird es noch mehr Geschiedene unter meinen Schulfreunden geben und mindestens einen, der an Krebs erkrankt ist. Vielleicht werden wir nicht mehr alle am Leben sein. Oder eine von uns ist frischgebackene Grossmutter.

Ein nicht mehr ganz junges Pärchen, er ist bereits vollständig ergraut, kommt mir engumschlungen entgegen. Sie haben nur Augen für einander. Ihre offenkundige Verliebtheit rührt mich. Verliebt, getrennt, erkrankt, ausgewandert - alles ist möglich. Jederzeit. Wir sind immer unterwegs.

Erstellt: 18.10.2019, 14:25 Uhr

Eva Ashinze ist Anwältin und Krimiautorin und lebt mit ihrer Familie in Winterthur. (Bild: mas)

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