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Wo ist nicht Walter?

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Nun also auch noch das: Nachdem die Computer uns schon beim Schachspielen überlegen sind, haben sie jetzt auch noch beim Wimmelbilderbuchbetrachten die Nase vorn.

So machte dieser Tage auf den Nachrichtenportalen ein Filmchen die Runde, in welchem ein Roboterarm in gerade mal viereinhalb Sekunden in einem «Wo ist Walter?»-Bilderbuch den Titelhelden findet. Viereinhalb Sekunden! So schnell war nicht mal dann, als ich sämtliche Walter-Bücher in- und auswendig kannte.

Einst war ich der King im Memory-Spiel und heute verlier ich gegen jeden Kindergärtler.

Zukunftsparanoiker erblicken darin nun einen weiteren Beleg dafür, dass wir Menschen immer mehr verdrängt werden von den stetig besser werdenden Maschinen. Das Schreckgespenst der Roboterherrschaft ist endgültig auch im Kinderzimmer angekommen.

Ich hingegen bin nicht so pessimistisch, was unser weiteres Zusammenleben mit den künstlichen Intelligenzbestien angeht. Gewiss: wenn sich mein Selbstwert hauptsächlich daran bemisst, wie gut ich Schach spielen oder wie schnell ich Walter finden kann, dann sind die Roboter in der Tat eine unerträgliche Kränkung meines Egos.

Doch müssen wir mit solchen Kränkungen nicht auch sonst umgehen lernen? Einst war ich der King im Memory-Spiel und heute verlier ich gegen jeden Kindergärtler. Mit sechzehn konnte ich schneller rennen als mit vierzig. Und so müssen wir alle mit zunehmendem Alter laufend neue Stärken entdecken und uns von alten verabschieden.

Entsprechend sollte man wohl auch die Erfahrung, dass Maschinen gewisse Dinge besser können als wir, weniger als Bedrohung, sondern eher als Anlass dafür sehen, uns zu fragen, was uns denn so besonders macht.

Denn wenn es das Talent der Computer ist, dass sie praktisch und ganz besonders schnell darin sind, ein bestimmtes Resultat zu erreichen, dann liegt ja vielleicht unser Talent darin, dass wir langsam und unpraktisch und weniger zielgerichtet sind.

Und eigentlich beweist ja gerade das Roboterexperiment mit dem Wimmelbuch das sehr schön: Denn wer die Walter-Bücher kennt, weiss, dass das Aufspüren der Hauptfigur nie die eigentliche Pointe war, sondern vielmehr all die Details, die sich sonst so auf diesen Bildern verstecken: Zum Beispiel der Gleisarbeiter, der Daumen lutschend in der Schubkarre des Kollegen liegt oder der Muskelprotz der den Sonnenschirm in die Luftmatratze spiesst.

Walter finden, das kann die Maschine problemlos. Etwas lustig finden hingegen können nur wir. Und während die Maschine auf die Frage «Wo ist Walter?» in viereinhalb Sekunden eine Antwort weiss, dann ist doch die viel interessantere, weil nämlich unendliche Frage: Was ist alles dort, wo Walter nicht ist?

(Der Landbote)

Erstellt: 14.08.2018, 14:45 Uhr

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