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Worthülsen

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Unter all den Worthülsen dieser Welt ist die «Herausforderung» mein erklärter Liebling. Gemeint ist eigentlich ein Problem, eine Krise, vielleicht auch ein Dilemma. Aber das auf krampfhaften Optimismus gestimmte Rotwelsch der Manager und Politiker dreht den negativ besetzten Begriff in den positiven Bereich.

Die Katze wird in «Büsi» umgetauft. Das tönt besser, ändert aber nichts an ihren scharfen Krallen.Worthülsen tarnen die harte, klare Wahrheit und dienen meist der Vernebelung, der Beschönigung oder manchmal der Aufwertung von Begriffen. Dann wird aus der Güselhalde ein «Entsorgungspark» und aus der Putzkraft ein «facility manager». Hässliche Entlassungen werden in zukunftsfrohe «Umstrukturierungen» umgelogen, Verluste sind «negative Zuwachsraten», was wiederum – erraten! – eine «Herausforderung» darstellt.

Worthülsen tarnen die harte, klare Wahrheit und dienen der Vernebelung, der Beschönigung oder der Aufwertung

Es ist immer wieder lustig zu sehen, wie schnell sich solche Worthülsen verbreiten, vorausgesetzt, sie wurden von prominenten Vorbetern erstmals verwendet. «Alternativlos» hat Bundeskanzlerin Merkel noch vor drei Jahren ihre Flüchtlingspolitik genannt. Jetzt sieht sie zwar die wahre «Herausforderung», aber das Kunstwort ist inzwischen im Munde ungezählter Nachbeter.

Ins gleiche Kapitel passt das Weichdeutsch der politisch Korrekten. Pädagogen reden nicht mehr von Lernschwäche und Behinderung, sondern von «Kindern mit besonderen Ansprüchen». Und der Schwarze darf kein Schwarzer sein, er ist höchstens «pigmentmässig herausgefordert.» Das «innovative» Unternehmen, das seine «Prozesse ganzheitlich» anpackt, gehört ebenso in diese Schublade wie die «bürgernahe» Partei mit den «nachhaltigen» Lösungen, welche «Mehrwert schafft» und «Synergiepotenziale nutzt.»

Politiker sind marktführend in der Worthülsenanwendung. Eine besonders schöne stammt vom ehemaligen Kanzlerkandidaten der SPD, Martin Schulz: «Wir leben bei allen wirtschaftlichen Erfolgen im Klartext schon lange von der Substanz. Hier will ich gegensteuern.» Der Erfolg von Schulz spricht für sich.

Das soll aber den modernen Kolumnisten nicht hindern, sich «proaktiv» zum «systemtischen Ansatz» zu «committen» und konsequent «zukunftsorientierte Lösungsansätze» zu unterstützen. Schliesslich kennt er die Tücken der «Airbag-Rhetorik».

Schon der alte Zyniker Karl Kraus (1874-1936) hat gesagt, worum es ging, als er seinen berühmten, von Worthülsen völlig freien Satz schrieb: «Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben; man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.»

(Der Landbote)

Erstellt: 11.05.2018, 17:52 Uhr

Karl Lüönd ist Publizist und Journalist. (Bild: jb)

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