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Wurst, indirekt grilliert

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Schnödes Grillieren war gestern. Wer heute etwas auf sich hält, macht Barbecue und platziert das Fleisch nicht über, sondern abseits von den Kohlen, um es im heissen Rauch langsam zu garen. Indirektes Grillieren nennt man das.

Das hat sich auch jener SVP-Nationalrat zu Herzen genommen, der fand, er müsse seine geheuchelte Sorge darüber, dass bei einem Schulanlass aus Rücksicht auf muslimische Mitschüler ein angebliches Cervelat-Verbot herrsche, möglichst weit weg vom Geschehen äussern.

Statt nämlich einfach mal kurz beider betreffenden Schule nachzu­fragen, ob überhaupt ein Wahrheitszipfel an der Wurstgeschichte dran ist, wandte sich der Politzündler lieber an potenzielle Hitzköpfe im Netz und liess dort die Funken sprühen. Die Cervelat der Entrüstung grillt man halt besser indirekt, weil man so die Empörung ­länger warmhalten kann.

Warum die Sache direkt auflösen, wenn sich indirekt Gerüchte köcheln lassen?

Mir kommt das vor wie damals, als meine Grossmutter, nachdem ich ihr Haus gehütet und dort – wohlgemerkt nach zwanzig Tagen Aufenthalt und zwei Fondueessen unter Freunden – eine fast leere Kirschflasche zurückgelassen hatte.

Bei deren Anblick hat die Grossmama dann angeblich grosse Angst gekriegt, ich könnte ein Alkoholproblem haben. Bei mir besorgt nachgefragt hat sie deswegen nicht. Und auch nicht bei meiner Mutter, was angesichts der Tatsache, dass ich damals schon über 20 und zu Hause längst ausgezogen war, zwar bereits etwas deplatziert, aber doch immerhin noch halbwegs plausibel gewesen wäre.

Nein, meine Grossmutter hat als Erstes meine Tante angerufen und ihr mit kummervoller Stimme von meiner angeblichen Trunksucht geklagt. Dass die Sorge nur geheuchelt und an der ganzen Geschichte nichts dran war, wusste sie wohl nur zu gut.

Aber warum die Sache direkt auflösen, wenn sich indirekt Gerüchte köcheln lassen? Ihre Hoffnung war wohl, dass die Mär von meinem exzessiven Kirschkonsum möglichst lange die Runde machen würde, ehe sie verdampft. Pech nur, dass meine Tante so gar nicht auf die angebliche Schreckensmeldung eingestiegen ist, sondern stattdessen vor Lachen fast den Telefonhörer aus der Hand hat fallen lassen.

Seitdem hat die Geschichte von jenen Ferien, da die Grossmutter meine Schnapssucht entdeckt hat, ­tatsächlich die Runde in meiner Verwandtschaft gemacht –als grosse Lachnummer, über die meine Cousinen und ich uns bis heute amüsieren.

Schade nur, dass nicht auch Cervelat-bewegte Nationalräte bei ihrer billigen Stimmungsmache meine Tante anrufen. Sie würde ihnen schnell klarmachen, dass sie sich mit ihrer indirekt grillierten Entrüstungswurst vor ­allem eines machen, nämlich ­lächerlich. (Der Landbote)

Erstellt: 10.07.2018, 16:19 Uhr

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