Tribüne

Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten

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Im Radio hörte ich dieser Tage einen Bericht zur Frage, ob sich Feiertage noch lohnen oder was mit einem Tag wie Christi Himmelfahrt an Wertschöpfung verloren geht. Interessant war, zu hören, dass zwar tatsächlich einige Millionen verloren gingen, aber auch viel gewonnen werde, was nicht in Zahlen gemessen werden könne. So seien z.B. Arbeitnehmende vor einem Feiertag produktiver, weil sie noch einiges erledigen möchten, um dann den Feiertag und den Brückentag, den sich viele gönnen, wirklich geniessen zu können. Die Ruhe dieser Tage wirke sich ebenso wieder aus auf die kommenden Arbeitstage, denn ausgeruhte Mitarbeitende arbeiten besser, konzentrierter, produktiver.

Dem Christentum sei Dank oder eher den Kirchen sei Dank, dass sie sich in einer zunehmend säkular gewordenen Gesellschaft klar für diese Feiertage einsetzen. Die Namen der Feiertage sind geblieben, der Inhalt ist weitgehend verdunstet, obwohl der Inhalt aktueller ist denn je.

Himmelfahrt ist eine politische Provokation. Antike Himmelfahrtsvorstellungen waren ein Machtinstrument zur Vergötterung von Kaisern. Sie wurden so nach ihrem Tod zu unsterblichen Gottheiten. Der Evangelist Lukas provoziert: Jesus, nicht der Kaiser, ist der universale Herrscher, der von Gott zum Himmel emporgehoben wird. Dabei will die Bibel nicht einfach den Spiess umdrehen und Jesus an die Stelle des Kaisers setzen. Vielmehr heisst es: «Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen», so argumentiert Apostel Paulus in der biblischen Apostelgeschichte. Die Menschen dürfen sich und ihre Polit- und Wirtschaftssysteme nicht als absolut setzen. Das wird in der Himmelfahrtserzählung der Bibel deutlich. Jesus verweist nicht auf sich selbst, sondern auf das Göttliche, das von den Menschen nie vereinnahmt werden kann, weil Gott immer das ganze andere ist und bleibt.

Schade, dass es die Kirchen und vor allem ihre Vertreter zu lange verpasst haben, den Kern der biblischen Botschaft solcher Feiertage, wie Ostern, Himmelfahrt oder Pfingsten, mitten ins Leben zu ziehen. «Gottesdienst mitzufeiern, setzt intellektuellen Mut voraus», schreibt der Theologe Christian Rutishauser in einem Artikel.

Das von Jesus verkündete Gottesreich ist kein weltliches Regierungssystem. Es geht nicht um Macht und Ehre, sondern um eine neue Gerechtigkeit, die jegliche Ungerechtigkeit sprengt. Es geht um Gleichheit und Würde aller Menschen. Auch die Kirchen tun gut daran, ihre Feiertage neu zu überdenken.

Erstellt: 01.06.2019, 09:57 Uhr

Monika Schmid
Theologin, Gemeindeleiterin katholische Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten (Bild: jb)

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