Pro und Contra

Ein Defilee im Gleichschritt und mit Panzern – ist das noch zeitgemäss?

In Winterthur schloss die Artillerieabteilung 16 ihren Wiederholungskurs mit einem Defilee ab. Eine solche Militärparade gab es hier zuletzt vor über zehn Jahren.

Zum Abschluss einer dreitägigen Übung der Schweizer Armee fand in Oberwinterthur ein Defilee auf der Frauenfelderstrasse unweit des Technoramas statt.

Zum Abschluss einer dreitägigen Übung der Schweizer Armee fand in Oberwinterthur ein Defilee auf der Frauenfelderstrasse unweit des Technoramas statt. Bild: Nathalie Guinand

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Ja

Sie zahlen seit Jahren Krankenversicherungsprämien, ohne je etwas zurückerhalten zu haben? Der Sinn einer Versicherung leuchtet erst im Ernstfall ein, von dem man zugleich hofft, dass er nicht eintritt. So ist es auch mit der Armee – in Friedenszeiten erscheint sie nie als zeitgemäss.

Über ihre Grösse und Aufgaben darf, ja soll, diskutiert werden. Man kann sie auch komplett ablehnen und im Kriegsfall auf die befreundeten Nachbarländer, die Nato oder auf die USA hoffen. Dank der direkten Demokratie ist hierzulande die politische Debatte über Sinn und Unsinn des Militärs nicht nur möglich, sondern vorgesehen. Damit ist die Schweizer Armee vermutlich die am besten legitimierte der Welt – so auch ihre Verkleinerung von 600000 auf heute 100000 Soldaten.

Vielleicht teilen Sie diese Argumente zwar, lehnen ein Defilee aber trotzdem ab. Vielleicht sind Sie der Meinung, dass sich die Armee mit sinnvolleren, nützlicheren Dingen öffentlich zeigen soll. Doch hier stellt sich halt wieder die – womöglich unangenehme – Frage nach der Kernaufgabe bewaffneter Truppen: Das Üben des militärischen Kampfeinsatzes als letztes Mittel zur Landesverteidigung. Natürlich ist es leichter, eine gute Presse zu bekommen, wenn Soldaten nach einem Unwetter in einer armen Bergregion Schutt wegräumen oder Wanderwege im Naturschutzgebiet reparieren. Schön und gut, aber dies ist nicht die Aufgabe der Armee.

Die Milizarmee mit Wehrpflicht bedeutet zwar Zwang. Wenn aber Männer von links bis bürgerlich-rechts Dienst leisten müssen, dann verhindert dies eine Armee aus undemokratischen Rechtsaussen-Gesinnungsgenossen. Ein basisdemokratisch getragenes Militär soll sich an einem Defilee zeigen, auch mit Panzern. Denn es sind unsere Arbeitskollegen, Partner und Mitbürger.

Nein

Das Volk bezahlts, das Volk hat ein Anrecht darauf, zu sehen, was das Militär mit den Milliarden von Steuergeldern anstellt. Aber ein Strassenumzug? Winterthur hat nun mal schon eine Fasnacht.

Scherz beiseite. Es muss sinnvollere Aktivitäten geben, die die Schweizer Armee der Bevölkerung präsentieren kann. Auch wenn die Grundsatzdiskussion über eine eigene Armee abgeflacht ist, so wäre doch anzunehmen, dass das Militär bemüht ist, sich als nützlich zu inszenieren. Eine Parade, für welche Hauptstrassen gesperrt werden müssen, kommt auf der Nützlichkeitsskala definitiv im unteren Bereich zu liegen.

Das ist nicht nur die Sicht von Linken und Armeegegnerinnen, das sehen auch namhafte bürgerliche Politiker so. So sagte jüngst SVP-Nationalrat Adrian Amstutz gegenüber der «Aargauer Zeitung», dass solche Selbstinszenierungen des Militärs und der Politik dem Wesen der Schweiz widersprächen. Sein Nationalratskollege Walter Müller (FDP), selbst Oberleutnant, sagte im selben Artikel: «Ich bin gegen Veranstaltungen, auf denen Macht demonstriert wird.»

Paraden dieser Art sind Aufschneiderei, deren sich die politischen Spitzen von Ländern wie den USA, Russland oder China gerne bedienen. Eine Aufzählung, in die sich die Schweiz kaum einreihen will. Oberleutnant Müller ist der Meinung, dass sich Soldat und Bürger wieder annähern müssen. Anlässe aufzuwärmen, die ihren Höhepunkt nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben, ist aber eine PR-Massnahme von vorgestern. Die Bevölkerung ist mittlerweile im Jahr 2019 angekommen. Wie bei so vielen Themen, die die Armee betreffen, wäre zu wünschen, dass sie sich den heutigen Gegebenheiten anpasst. Die Versuche, alle anderen in die «gute alte Zeit» zurückzuzwingen, zeigten sich bisher erfolglos.

Erstellt: 17.10.2019, 06:09 Uhr

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