Pro und Contra

In jeder zweiten Gemeinde kann kein Bargeld mehr abgehoben werden

Ist das schlimm oder ist kontaktlos bezahlen sowieso viel praktischer?

Ist Bargeld wirklich noch zeitgemäss?

Ist Bargeld wirklich noch zeitgemäss? Bild: mad

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Ja

Es war Freitagabend in der Stadt Zürich. Wir: sehr sehr hungrig, der Take-away: sehr sehr voll. Ich stand nach gefühlten drei Stunden endlich an der Kasse und wollte mit Karte bezahlen. Das Gerät suchte und suchte, fand das Signal aber nicht. Keine Verbindung zum Internet, kein Bezahlen, kein Essen. Ähnliches passierte mir diesen Monat schon zweimal im Coop. Das System hängte sich auf, weder am Self-Checkout noch an der bedienten Kasse war Bezahlen mit Karte möglich. Der Grossteil der Leute liess seine Einkäufe stehen und es fand eine Völkerwanderung zum nächsten Bancomaten statt.

Dieselbe Verbindung ist es, die Daten sammelt, jedes Mal, wenn ich mit einer Karte bezahle. Daten, die die jeweiligen Firmen hinter den Karten weiterverkaufen und auf deren Verwendung ich keinen Einfluss habe. Daten, die es unmöglich machen, anonym einzukaufen und die eine komplette Überwachung meiner finanziellen Transaktionen erlauben. Sei es vonseiten Staat oder vonseiten Familie, wenn der Partner die Ausgabe für sein eigenes Geburtstagsgeschenk auf der Abrechnung entdeckt.

Ohne Bargeld bin ich Kartengebühren und Negativzinsen ausgeliefert. Heute könnte ich mein Geld einfach abheben und bar mitnehmen, wenn die Banken beschliessen, negative Zinsen auf Sparkonten einzuführen. Das gilt auch für den Fall, dass eine Bank Konkurs gehen sollte. Meistens ist das Geld nur bis zu einer gewissen Summe versichert, der Rest der Ersparnisse geht mit der Bank zugrunde. Besitze ich es bar, geht das nicht. Besitze ich es bar, kann ich auch nur so viel ausgeben, wie ich habe. Karten lassen sich überziehen. Schulden sind immer schneller gemacht, als abbezahlt.

Ohne Bargeld müssen alle Menschen ein Bankkonto haben. Gerade bei ärmeren und älteren Menschen ist das heute noch nicht immer der Fall. Ohne Bargeld müsste jede noch so kleine Bar und jeder Stand an einem Festival, die Möglichkeit mit Karte oder kontaktlos zu bezahlen, einrichten. Ohne Bargeld könnte ich einem Freund, der sein Portemonnaie vergessen hat und der ans andere Ende des Turnfests muss, kein Nötli in die Hand drücken, damit er sich Wurst und Bier kaufen kann.

Nein

Auch ich war lange Zeit ein Bargeld-Fan. Etwas zum Anfassen, keine technischen Unsicherheiten, keine elektronische Überwachung meiner Einkäufe. Doch dann kam die entscheidende Neuerung: das kontaktlose Zahlen. Seit ich die Postcard nur noch über das Bezahlgerät halten kann, ohne sie einzustecken und einen Code eingeben zu müssen, hat mich das bargeldlose Bezahlsystem wirklich überzeugt.

Wenn immer möglich zahle ich nun mit der Karte. Erstens erspart mir das die Sorge, ob ich immer genug Münz und Noten im Portemonnaie habe. Zweitens ist es schneller als jede Münzklauberei. Früher nervte ich mich in den Warteschlangen, wenn jemand vor mir die Karte zückte. Heute sind die Batzenklauber die langsamen. Wer mit Karte zahlt, ist nach einem Pieps schon fertig und schon kommt die nächste dran.

Zugegeben: Ab und zu beschleichen mich Datenschutz-Bedenken. Doch wie bei der personalisierten Internet-Suche oder bei der Fahrplan-App, die auf meine geografischen Daten zugreifen darf: Die praktischen Vorteile sind so gross, dass ich es in Kauf nehme, dass die Post und die Bank nun auch über meine Kleinsteinkäufe Bescheid weiss. Kürzlich war ich übrigens in Dänemark und staunte nicht schlecht. Dort setzen auch kleinste Läden ganz selbstverständlich voll aufs bargeldlose Zahlen. Einzelne Geschäfte haben gar keine Barkasse mehr.

Darum finde ich den Abbau von Bankomaten, Bank- und Poststellen nicht weiter schlimm. Im Gegenteil bin ich etwas erstaunt, wenn ich höre, wie jemand dem Anstehen vor einem Bankomaten geradezu nachtrauert, als wäre es eine schützenswerte kulturelle Tradition. Auch das Argument, mit dem bargeldlosen Bezahlen gehe der «Bezug zum Geld» verloren, kann ich nicht nachvollziehen. Den Wert eines Einkaufs nehme ich immer zuerst als Zahl war, nicht als Notenbündel oder Münzstapel.

Die Bankomaten unnötig weiter zu betreiben, geht darum in die falsche Richtung. Im Gegensatz dazu sollten mehr Geschäfte auf elektronisches Bezahlen umstellen, damit die Kunden ohne Bargeld auskommen und sich nicht mehr ums Geldabheben kümmern müssen.

Erstellt: 21.06.2019, 17:43 Uhr

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