Gedanken zum Feiertag

Ostern – ein Fest der Wege

Der katholische Pfarrer Michael Weisshaar schreibt zu den Osterfeiern über Wege, die man als Kreuzwege erleidet, und solche, die einem als Osterwege Hoffnung geben.

Ein «Osterweg»: Die Klimademonstration am 6. April in Winterthur.

Ein «Osterweg»: Die Klimademonstration am 6. April in Winterthur. Bild: Enzo Lopardo

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In der Emmausgeschichte begegnen zwei Jünger dem auferstandenen Jesus unterwegs. Sie erkennen ihn nicht, bis er beim Abendmahl das Brot für sie bricht – und gleich darauf entschwindet. Diese Erzählung aus dem Lukasevangelium (Lk 24, 13-35) ist sowohl eine berühmte Ostergeschichte wie eine Weggeschichte, so wie es noch weitere Ostergeschichten gibt, die gleichzeitig Weggeschichten sind. Aber auch die vorangehende Karwoche ist voller Weggeschichten. Sie beginnen mit dem Einzug in Jerusalem am Palmsonntag und enden mit dem Kreuzweg vom Ölberg bis zur Hinrichtungsstätte Golgatha. Immer wieder werden Wege beschritten und häufig klärt sich auf den Wegen etwas, was vorher unerklärlich schien.

Für einen Römisch-katholischen Christen ist der Beginn des Jahres 2019 ein ganz besonderes Stück Kreuzweg geworden. Der Missbrauchsskandal der schon länger schwelte, wurde zu einem Vollbrand. Von Meldung zu Meldung und von einem Film zum nächsten wurde immer deutlicher, dass die katholische Kirche ein massives Problem hat, das über die Taten Einzelner hinausreicht und darum auch jedem Katholiken weh tut. Gerade eine moralische Instanz wie die Kirche wird von so einem Skandal besonders getroffen und die einzelnen Christinnen und Christen stehen fassungslos und beschämt vor diesen grausamen Verbrechen, die da auch in ihrem Namen begangen wurden. Und wenn wir ehrlich sind müssen wir feststellen, dass wir auf dem Kreuzweg nur ein paar wenige Stationen hinter uns gebracht haben. Die schlimmen Stationen stehen uns noch bevor.

Eine mögliche Konsequenz dieses Kreuzweges könnte es durchaus sein, dass Wertvolles für immer verloren geht. So könnte das moralische Image der katholischen Kirche so stark zerstört werden, dass sie sich nicht mehr für das Gute einsetzen kann. Hilfswerke wie Caritas und Fastenopfer könnten in Mitleidenschaft gezogen werden, indem etwa die Spendenerträge einbrechen und heilbringenden Projekten der finanzielle Schnauf ausgeht.

Es gibt Kreuzwege – es gibt aber auch Osterwege. Ein solcher Osterweg ist für mich der Klimastreik der weltweit vernetzten Jugend. Noch vor einem Jahr schien nichts darauf hinzuweisen, dass die Menschheit den Klimawandel so in den Griff bekommen würde, dass die vorhergesagten Plagen noch abgewendet werden könnten. Zu sehr hat sich der eine Teil der Menschheit in seiner Bequemlichkeit eingerichtet und zu gross sind die Verlockungen dieser Bequemlichkeit für den anderen Teil.

Jetzt macht sich die jüngste Generation auf einen anderen Weg. Sie räumt sogar an ihren Demonstrationen so gut auf, dass der Neumarkt in Winterthur sauberer daherkommt als vor der Demonstration. Ihr grosses Idol, Greta Thunberg aus Schweden, reiste per ÖV und zu Fuss ans WEF nach Davos, das ansonsten von Helikopter-Shuttle-Flügen beherrscht wird. Diese Generation möchte uns wohlstandsverwöhnten Älteren zeigen, dass Verzicht sexy sein kann und dass wir unsere Klimaziele nur schaffen, wenn sich jeder an der Nase nimmt und seinen ökologischen Fussabdruck merklich verkleinert. Österliche Hoffnung keimt auf!

Noch ein Gedanke zu Greta Thunberg, der für mich auch viel mit Ostern zu tun hat. Sie leidet am Aspergersyndrom, einer besonderen Form der autistischen Störung. Der Wissenschaftsjournalist Beat Glogger, Vater eines Autisten, hat in dieser Zeitung schon mehrfach geschrieben, dass es wirklich nicht lustig ist, Autisten erziehen zu müssen. Ich denke, auch die Eltern von Greta Thunberg können diese Einschätzung zu grossen Teilen bestätigen. Umso mehr macht es mich froh, dass sie diese Aufgabe auf sich genommen und so diese Klimabewegung überhaupt erst ermöglicht haben. Man stelle sich nur vor, autistische Embryonen könnten genauso leicht bestimmt werden, wie Embryonen mit Trisomie 21. Dann wären wir vielleicht ganz schnell vom Osterweg auf den Kreuzweg abgestürzt.

Erstellt: 18.04.2019, 16:16 Uhr

Michael Weisshaar, Römisch-katholischer Theologe und Gemeindeleiter der Pfarrei St. Marien in Oberwinterthur. (Bild: pd)

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