Pro und Contra

Während der Schulzeit fürs Klima demonstrieren– braucht es dafür eine Erlaubnis?

Heute schwänzen die Schülerinnen und Schüler für die Klimademo in Zürich den Unterricht – teils mit, teils ohne Segen ihrer Schulen.

Tausende Schüler protestieren auch im Kanton Zürich für das Klima.

Tausende Schüler protestieren auch im Kanton Zürich für das Klima.

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Ja

«Schulstreik». Das Wort tönt zwar gut, doch zum bestreiken ist eine Schule grundsätzlich nur halb geeignet. Denn sie produziert nichts ausser Bildung – von der die Schülerinnen und Schüler profitieren.

Wenn die Bäuerinnen und Bauern streiken, geht uns die Milch aus. Legen Angestellte einer Firma ihre Arbeit nieder, verlieren die Besitzer Geld. Doch wenn die Schüler oder die Studenten streiken, bewirkt das grundsätzlich einmal gar nichts.

«Die wollen ja nur frei machen.» Es ist das meistgehörte Argument von jenen, die die neu erwachte Klimabewegung kleinreden wollen. Alles nur Schulschwänzer, die besser in den Klassenzimmern für die Zukunft lernen würden. Und am Wochenende verreisen sie dann ins Skigebiet, kurven auf Kunstschnee über die Pisten oder fliegen gar auf Städtereise. Natürlich sind das alles billige Argumente.

Es steckt viel mehr hinter der Bewegung. Und verglichen mit den wichtigen Fragen zur Klimapolitik, die die Jugendlichen zu Recht aufwerfen, ist das Schulschwänzen ein kleiner Nebenaspekt. Doch den Gegnern bietet er eine willkommene Angriffsfläche. Schulschwänzer, nicht ernst zu nehmen, Thema abgehakt.

Darum ist es wichtig und richtig, wenn sich die Schülerinnen und Schüler nicht aufführen wie wilde Streikbanden. Sie müssen zeigen, dass ihnen ihr Anliegen ernst ist, dass sie keine Sponti-Protestler sind, die nach Lust und Laune mal am Freitagnachmittag in Zürich spazieren gehen. Sondern eine ernst zu nehmende Bewegung, die langfristig plant, gut organisiert ist und nicht so bald wieder verschwinden wird.

Die Schülerinnen und Schüler sollten sich deshalb an die Regeln halten und ihr Demonstrationsrecht rechtzeitig bei den Schulleitungen einfordern. Die Schulen wiederum tun gut daran, entsprechende Gesuche zu bewilligen. Nicht etwa, um das politische Engagement der Jugendlichen zu fördern, sondern weil es schlicht zur Meinungsfreiheit gehört.

Noch besser wäre es, die Schülerinnen und Schüler würden von vornherein ausserhalb der Unterrichtszeit demonstrieren. Dann wären sie das leidige Thema des Schwänzens automatisch los. Die erste Klimademonstration in Winterthur ist für den 6. April geplant. Das ist ein Samstag.

Nein

Der Streik ist der grosse, wütende Bruder der Demonstration. Er will nicht nur ein bisschen auf ein Problem aufmerksam machen. Er setzt den politischen Gegner durch Arbeitsverweigerung zusätzlich unter Druck und verleiht dem eigenen Anliegen so mehr Gewicht. Eine Streik-erlaubnis ist deshalb ein Widerspruch in sich.

Die 16-jährige Greta Thunberg gilt als Ursprung der Klimastreikbewegung. Sie versteht nicht, wieso sie in der Schule für eine Zukunft lernen sollte, die durch den menschgemachten Klimawandel zerstört wird. Ihr Streik vor dem schwedischen Parlament, der am 20. August 2018 begann, hat mittlerweile globale Ausmasse erreicht.

«Wäm sini Zuekunft? Eusi Zuekunft!», skandierten Schülerinnen und Schüler gestern in Zürich während der schweizweiten Klimastreiks. Denn in der Klimapolitik ist es für einmal umgekehrt: Kinder haften für die Eltern. Stellen wir uns vor, Thunberg hätte vor dem ersten Streik ihre Lehrer um Erlaubnis gebeten, die Bewegung wäre heute wohl kaum so gross. Oder polemisch ausgedrückt: Greta Thun-, nicht Fragberg!

Natürlich muss jeder mit Kritik rechnen, der sich nicht an gesellschaftliche Normen hält. Vielen Schülern wird vorgeworfen, dass sie lediglich einen Grund suchen, um der Schule fernzubleiben. Inwiefern der gestrige Streik im kalten Zürcher Regen aber angenehmer als eine Schullektion im wohlig warmen Klassenzimmer war, muss mir erst einmal jemand erklären.

Kommt dazu: Nur wer das Thema wirklich wichtig findet und deshalb regelmässig streikt, will eine Konfrontation mit der Schule riskieren. Mitläufer knicken relativ rasch ein, aus Angst um ihre Noten.

Es ist natürlich nachvollziehbar, dass die Jugendlichen ihre Schulkarriere durch das Streiken nicht gefährden wollen. Zu streiken bedeutet aber nicht, die Kommunikation zu verweigern. Die Schülerinnen und Schüler sollten ihre Abwesenheit im Vorfeld deshalb ankündigen, ohne dabei bittstellerisch zu wirken.

So kann ein fruchtbarer Dialog entstehen. Und das ist es doch, was sich die Politik von der Jugend stets wünscht: Engagement. Die Jugendlichen haben ihre Hausaufgaben mehr als gemacht. Nun ist die Politik gefordert.

Erstellt: 15.03.2019, 18:01 Uhr

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