Leitartikel

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Die Forderung nach grösseren Freiheiten für das Stadttheater ist legitim, die Verselbstständigung aber mit erheblichen Kosten verbunden. Wer am 24. März Ja sagt zur Theater AG, muss an sein Vertrauen hohe Ansprüche knüpfen.

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Wenn die ganze Welt eine Bühne ist, wie William Shakespeare es fasste, dann war die Debatte um die Verselbstständigung des Theaters Winterthur ein Technokratenstück. Die Emotionen blieben aus dem Spiel, und das bei einer Vorlage, die eine der wichtigsten und traditionsreichsten Winterthurer Kulturinstitutionen auslagern, sprich aus der Obhut der Stadt entlassen will.

Die grosse Einigkeit unter den Parteien und die eher laue Diskussion ist ungewöhnlich, aber sie ist erklärbar. GLP, FDP und SVP erhalten durch die Verselbstständigung ihren Willen. Sie waren es, die vor über einem halben Jahrzehnt per Motion die Auslagerung angestossen hatten, zu einer Zeit freilich, in der das Theater weitaus schlechtere Zahlen aufwies als heute. Nun halten sie ihrem Vorhaben die Treue, auch wenn die Auslagerung keine Einsparungen bringt, sondern Mehrkosten.

Im linken Lager wiederum bleibt der sonst programmierte Aufschrei aus. In der Kultur ist man es schlicht gewohnt, dass die Stadt per Leistungsvereinbarung operiert, das Geld gibt, ohne die operative Kontrolle auszuüben. Beim Theater kommt hinzu, dass die Risiken so oder so bei der Stadt bleiben.

Nicht nur weil sie an der neuen Theater AG die Mehrheit der Aktien halten muss. Auch weil das Theatergebäude im Besitz der Stadt verbleibt. Punkto Verantwortung ist die Auslagerung eine Formalie, das Theater auch künftig «too big to fail».

Mit dem Ja zur Theatervorlage investiert Winterthur jährlich eine Viertelmillion Franken. Verknüpft damit ist ein Versprechen.

Jenseits parteipolitischer Interessen und Überzeugungen gibt es gute praktische Gründe, die für eine Auslagerung sprechen. Als Teil der Stadtverwaltung betreibt das Theater heute eine umständliche Bürokratie, mit langen Entscheidungswegen und vielen Doppelspurigkeiten. Und der Zyklus der Theatersaison von Sommer bis Sommer ist mit jenem des städtischen Budgets von Jahr zu Jahr schwer zu vereinbaren.

Vor allem aber fehlt der Theaterleitung eine fundamentale unternehmerische Freiheit, nämlich Reserven zu bilden und aus Rücklagen neue Projekte zu finanzieren. Es fehlt der finanzielle Spielraum für Experimente, das Theater ist organisatorisch zur Konformität verdammt.

Mit der neuen Rechtsform soll die Leitung nun diese ersehnten Freiheiten erhalten. Und noch einen zweiten Vorteil versprechen sich die Architekten der Verselbstständigungsvorlage: Das Theater soll als eigenständige Organisation mehr Sponsorengelder anziehen. Heute scheitere dieses Vorhaben auch an der Rechtsform, heisst es.

Nicht dass das Theater grosse Anstrengungen im Fundraising unternommen hätte. Dafür fehlte zuletzt das Geld. Der Einwand ist aber durchaus realistisch. Übertrifft das Theater nämlich heute sein Budget beim Sponsoring, fliesst der Überschuss zurück an die Stadt – sprich in die Steuerkasse. Das wollen Sponsoren tendenziell vermeiden und entscheiden sich im Zweifelsfall eher für unabhängige Institutionen.

Diesen berechtigten Argumenten für die Auslagerung stehen die Kosten gegenüber. Die Theater AG braucht neues Personal, und es entstehen Zusatzaufwendungen: für den Jahresbericht, die Revision, die Aktionärsversammlung. Gleichzeitig bleiben bei der Stadt zentrale Kosten unverändert stehen und werden nach wie vor auf den Theaterbereich umgelegt.

Auf lange Sicht kostet die Theaterverselbstständigung damit eine Viertelmillion Franken mehr als ein Vergleichsszenario, in dem das Theater ebenfalls mehr Mittel erhält, aber in der Stadtverwaltung verbleibt. Und das ist optimistisch geschätzt, geht die Rechnung doch davon aus, dass das Theater sein Ziel von 400000 Franken im neu ausgebauten Fundraising tatsächlich erreicht.

Die Befürworter der Vorlage betonen, damit lägen die Ausgaben noch deutlich unter den knapp über 6 Millionen Franken, die das Stadttheater zu Beginn des Jahrzehnts, vor den grossen Sparpaketen, gekostet hat. Das stimmt, der Betriebsbeitrag von 4,25 Millionen Franken bleibt auch unter Einrechnung der Umlagekosten unter 5 Millionen Franken pro Jahr. Nur ist dieser Vergleich nicht entscheidend.

Mit dem Ja zur Theatervorlage investiert Winterthur jährlich eine geschätzte Viertelmillion Franken in eine zeitgemässe Theaterverwaltung. Verknüpft damit ist das Versprechen, das Theater relevant zu halten, die Besucherzahlen zu steigern und Sponsoren anzuziehen.

Das Theater Winterthur brauche diesen neuen Impuls, sagen die Theaterleitung und der Stadtpräsident und verweisen auf eine externe Studie. Der Gemeinderat hat ihnen mit grossem Mehr das Vertrauen geschenkt. Das sollte auch die Bevölkerung tun. Allerdings mit dem Anspruch, dass sich die Szenarien und die Versprechungen im Kontext der neuen Freiheiten erfüllen.

Sollte die Theater AG hingegen scheitern und das Technokratenstück zur kostspieligen Tragödie werden, sind die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. (Der Landbote)

Erstellt: 15.03.2019, 10:24 Uhr

Marc Leutenegger ist Leiter des Stadtressorts beim Landboten.

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