Analyse

Auch der FCW muss etwas lernen

Der Skandal um ein frauenfeindliches Banner einiger sogenannter Fussballfans ist ein Lehrstück über die Kurzsichtigkeit und Indifferenz der Empörungskultur.

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Die Konsequenzen treffen die Bannermänner von der Schützi hart: Die Swiss Football League hat gegen drei Beteiligte ein zweijähriges Stadionverbot ausgesprochen. Die Polizei ermittelt wegen Aufruf zu Gewalt und hat heute vier Männer vorübergehend festgenommen.

Mitleid muss man mit den sogenannten Fussballfans aus dem Umfeld des FC Schaffhausen freilich nicht haben. «Winti Fraue figgä und verhaue» - wer sich mit so einer Botschaft in der Öffentlichkeit zeigt, hat eine Strafe verdient.

Darin herrscht gerade grosse Einigkeit. Endlich, lautet der Tenor, wird gegen Fussballchaoten durchgegriffen.«Bannergate» ist zum Kulminationspunkt einer kollektiven Katharsis geworden. Erst war die öffentliche Empörung gross, jetzt ist es der Jubel über die Sanktionen. Nur eine differenzierte Analyse der Ereignisse hat nie stattgefunden.

Das ist typisch für die heutige Debattenkultur, die Gedanken durch Bekenntnisse ersetzt. Sicher, das fragliche Banner ist sexistisch. Aber wird damit tatsächlich zur Gewalt aufgerufen, wie viele beklagen? Wohl kaum.

«Der Frauenfussball war gerade recht für einen Vergleich, der als Beleidigung gemeint ist.»Deborah Stoffel

Man muss sich nur den Kontext vor Augen führen: dass das Banner eine Replik war auf ein Transparent aus dem FCW-Umfeld. Dann erscheint der Sexismus als Mittel zum Zweck - wie ein deplatzierter Nazivergleich. Der Tabubruch sollte der Retourkutsche die nötige Durchschlagskraft geben, der Paarreim dem ganzen eine perfide Eleganz. Es fand ein Wettbewerb um das gemeinere Banner statt. Das ist infantil - wie viele ausgelebte Rivalitäten, gerade unter Männern - und auch ein bisschen lächerlich, wenn man sich die Akkuratesse vorstellt, mit der die Buchstaben auf das Tuch gemalt wurden.

Aber nein, «Bannergate» ist nicht jener beispiellose Sexismus-Skandal, als den es dargestellt wird. Und selbst wenn: Sexismus, der quasi mit dem Megaphon vorgetragen wird, ist kein gesellschaftliches Problem. Er wird in der Schweiz zuverlässig erkannt und sanktioniert, wie das aktuelle Beispiel zeigt. Tatsächlich ein Problem ist der unterschwellige Sexismus - wie er auf dem Banner steht, mit dem die Fans des FCW zuerst die Schaffhauser provoziert hatten: «Sogar d’ FCW-Fraue händ meh Fans!» Der Frauenfussball war gerade recht für einen Vergleich, der als Beleidigung gemeint ist.

So provozierten die FCW-Fans die Schaffhauser.

Die Empörung darüber aber ist ausgeblieben. Es gab keinen Shitstorm, kein Aufheulen in den Medien. Warum auch? Dass Frauenmannschaften weniger Zuschauer haben als die Männer ist doch eine Tatsache. Es ist normal. Tatsächlich? So wie es normal ist, dass Frauen sich in Sitzungen weniger Gehör verschaffen, weniger hart um ihren Lohn verhandeln, eher bereit sind, Teilzeit zu arbeiten? Struktureller Sexismus ist das Produkt ebensolcher Scheingewissheiten.

Die FCW-Führung hat Mitte Woche auf Nachfrage eingeräumt, der Spruch der eigenen Fans sei politisch nicht korrekt, ja ebenfalls sexistisch gewesen. Wirklich angekommen ist die Botschaft nicht. Aus dem Fan-Umfeld verlautete, man habe das Banner eher so gedeutet, dass die Bierkurve «stolz sei auf das Frauenteam, das mehr Fans habe als mancher Challenge-League-Verein». Das aber ist Paternalismus pur, von allen Formen des Sexismus vielleicht die unerträglichste.

Es waren die Fans des FC Winterthur, die am letzten Sonntag kurzentschlossen ein eigenes Banner mit dem Aufdruck «Fight Sexism» bastelten, es im Stadion hochhielten und sich damit in den sozialen Medien zeigten. Sie setzten damit ein schönes, aber plakatives Zeichen. Denn mit Bekenntnissen ist dem gesellschaftlichen Sexismus nicht beizukommen. Es braucht Reflexion und Selbstkritik. Beides möchte man dem FC Winterthur und seinem Umfeld wünschen.

Der Club ist so sehr in seinem positiven Image aufgegangen, dass es zum Reflex geworden ist zu sagen, nicht bei uns, wenn es um Sexismus, Rassismus oder Gewalt geht. Das Plakat des FCW aber war ebenfalls sexistisch, das ist nur lange keinem aufgefallen. Auch der beste Club der Welt ist nicht immun gegen Verfehlungen. Es ist diese Erkenntnis, die nach «Bannergate» bleiben sollte.

Erstellt: 31.05.2019, 13:09 Uhr

Deborah Stoffel, Reporterin

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