Leitartikel

Belastete Quellen zeigen: Es braucht ein Umdenken

Pestizid-Rückstände sickern verbreitet ins Grundwasser. Es wird Zeit, möglichst auf solche Stoffe zu verzichten.

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Kaum etwas ist nach einer Wanderung erfrischender als ein Schluck aus einem Brunnen. Es gehört zu unserem Selbstverständnis, dass wir das Wasser bedenkenlos geniessen können. Umso empfindlicher waren die Reaktionen, als der «Landbote» und andere Zeitungen diese Woche publik machten, dass der Kanton in mehreren untersuchten Grundwasserfassungen Rückstände des krebserregenden Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil festgestellt hat. Dies nach einer neuen Risikobewertung der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde.

In 29 von 92 untersuchten Proben wurde der Grenzwert für Trinkwasser überschritten. Betroffene Gemeinden mussten Wasserfassungen deshalb teils vom Netz nehmen und Brunnen trockenlegen. Es handelt sich dabei zwar um eine Vorsichtsmassnahme, wie die Behörden betonen. Denn zurzeit ist unklar, ob die Stoffe tatsächlich gesundheitsschädigend sind. Dennoch ist der Befund beunruhigend. Die Messergebnisse rufen in Erinnerung, dass Rückstände von Pestiziden längst verbreitet bis ins Grundwasser sickern.

In ackerbaulich intensiv genutzten Gebieten werden laut Bund bei über 90 Prozent der Messstellen Rückstände nachgewiesen. Bis solche Stoffe von Pflanzenschutzmitteln gänzlich abgebaut sind, kann es Jahre dauern. So findet man im Grundwasser noch heute schwer abbaubare Substanzen wie das seit 2007 verbotene Herbizid Atrazin, wie es im aktuellen Bericht des Bundesamts für Umwelt zum Zustand des Grundwassers heisst.

«Die Messresultate geben zu denken, auch wenn die Behörden betonen, dass unser Grundwasser sicher ist.»

Wie soll man all diese Informationen bewerten? Die Behörden im Kanton Zürich haben nach der Veröffentlichung der jüngsten Messresultate jedenfalls vor Alarmismus gewarnt. Sie teilten mit, dass «unser Trinkwasser» sicher sei und «meist von sehr guter Qualität!» Zumal man die gemessenen Werte in Grundwasserfassungen nicht einfach so auf das Trinkwasser übertragen könne. Denn dieses werde zuvor meist mit Wasser aus anderen Quellen vermischt. Kurz: Die Konsumenten könnten davon ausgehen, dass der Genuss von Trinkwasser im Kanton Zürich unbedenklich sei.

Auch Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbands wehrte sich im «Tages-Anzeiger» dagegen, dass die Zürcher Bauern wegen Chlorothalonil nun an den Pranger gestellt und zu Sündenböcken gemacht würden. Die Landwirte hätten sich auf die Zulassungsbehörde verlassen.

Im «Landboten» wies er darauf hin, dass Landwirte bereits Alternativen prüfen. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sei teilweise nach wie vor nötig. Denn der Kunde verlange ein möglichst perfektes Produkt. Es scheint also nie ein Ende zu nehmen: Landwirte stehen unter Druck und müssen die hohen Erwartungen der Detailhändler erfüllen. Detailhändler stehen unter Druck und müssen die hohen Erwartungen der Konsumenten erfüllen. Konsumenten stehen ebenfalls unter Druck und wollen möglichst günstige und schöne Lebensmittel einkaufen.

Leidtragende ist die Umwelt. Pestizide töten nicht nur Schädlinge, sondern auch nützliche Lebewesen. Damit tragen sie zum Verschwinden von Insekten, Vögeln und Amphibien bei. Um die Risiken zu minimieren, will der Bundesrat seit 2017 mit einem Aktionsplan den Einsatz von Pestiziden weiter reduzieren. Ob dies genügt, um Abstimmungen zu gewinnen? Bereits fordern zwei Volksinitiativen eine Landwirtschaft, die auf chemisch-synthetische Pestizide verzichtet. So wie das Biolandwirte bereits tun.

Die aktuelle Debatte über den Klimawandel und die neusten Messergebnisse verleihen den Vorstössen Auftrieb. Es ist daher im Interesse der konventionellen Landwirtschaft, von chemisch-synthetischen Pestiziden möglichst wegzukommen. Die Bauernverbände dürfen keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie tatsächlich alles unternehmen, um die Belastungen für Gewässer, Arten und Menschen zu reduzieren.

Erstellt: 06.09.2019, 12:00 Uhr

Rafael Rohner, Redaktor Landbote

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