Leitartikel

Das Dokudrama um den Zirkus Breu

Vom Start in Winterthur bis zum Aus in Schaffhausen: Warum die Geschichte des Zirkus Beat Breu so bewegend war.

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Solche Drehbücher schreibt nur das echte Leben: Zwei Wochen dauerte die Geschichte des Cirkus Beat Breu, und sie bot alles, was ein gutes Drama ausmacht. Spannung, tragische und komische Momente, Höhepunkte und Niederlagen. Ein grosser Zirkus mit der Schweizer Medienlandschaft als Manege.

Vielleicht, weil der Zirkus hier in Winterthur seinen Anfang nahm. Vielleicht, weil ich den «Bergfloh» Breu bereits in Jugendzeiten bewunderte. Vielleicht, weil mich die Zirkuswelt schon immer begeistert hat. Vielleicht, weil ich so viele Leute traf, die über den Sturkopf Breu nur den Kopf schüttelten.

Ein grosser Zirkus mit der Schweizer Medienlandschaft als Manege.

Jedenfalls habe ich das neuste Kapitel in der Lebensgeschichte Beat Breus enger verfolgt, als jede Reality-Soap und manche Netflix-Serie. So eng, dass ich mich mehrmals gefragt habe, was mich daran eigentlich so interessiert. Fünf Gründe, warum die Zirkus-Breu-Story so faszinierend war:

  • Der Mut zum Traum. Als Grund für seinen Start ins Zirkusgeschäft nannte Beat Breu stets nur einen einzigen Grund: «Davon habe ich schon immer geträumt.» Keine Kosten-Nutzen-Rechnung, keine Risikoabwägung, kein Businessplan. Der Premierenzeitpunkt: in den Sommerferien, wenn viel Zielpublikum im Süden, in den Bergen oder sonst abwesend ist. Die Bewilligung für die Tiere fehlte. Die Zusammenarbeit mit der deutsch-österreichischen Zirkusfamilie Lauenburger stand von Anfang an auf wackeligen Füssen. Alles egal. Für Breu zählte nur sein Traum. Und das in der heutigen Zeit, in der so vieles geplant und durchgerechnet ist. Man kann das Sturheit nennen. Oder Tollheit. Oder eben doch Mut.

  • Der Legendenstatus. Einer der meistgenannten Namenszusätze Beat Breus ist jener der «Radsportlegende». Die Etappensiege in der Tour de France, die Erfolge in der Tour de Suisse und im Radquer liegen alle schon ein Vierteljahrhundert oder mehr zurück. «Legenden» haben es grundsätzlich schwer zu altern. Und manchmal habe ich den Eindruck, in der Schweiz hätten sie es noch ein bisschen schwerer als anderswo. Wenn eine «Legende» Mühe hat, nach dem Karriereende einen Lebensweg zu finden, dann ist man schnell bereit, sie mit Häme zu überschütten. Auch wenn ich zugeben muss: Breu bot mit seinen Finanzproblemen und seinen Gehversuchen als Betreiber des Bordells Longhorn City im Kantons St. Gallen auch viel Angriffsfläche.

  • Einer gegen alle. Darum strahlte der Erfolg der Zirkuspremiere auf dem Teuchelweiher umso stärker. Das Zelt war voll, der Applaus tosend. Zirkusdirektor Beat Breu stand im Rampenlicht und hat es allen gezeigt. Wie damals in den härtesten Bergetappen. Nach dem kurzen Ruhm war der Absturz umso härter, als schon ab der zweiten Vorstellung das Publikum ausblieb. Warum nur hatte Breu nicht auf all die Warner gehört? Was treibt diesen Mann an, dass er sich ohne Not in solche einen Abgrund stürzt?

  • Die schillernde Zirkuswelt. Die Rolle, die Breus Geschäftspartner, der Zirkusbetreiber Adolf Lauenburger beim Ende des Zirkusabenteuers spielte, ist zwiespältig. Beide Seiten decken sich unterdessen gegenseitig mit so abstrusen Vorwürfen ein, dass der «Landbote» nicht mehr alle Szenen des Kampfes protokollierte.

  • Das Steh-auf-Männchen. Gerne würde man zum Schluss sagen, Breu habe aus der Geschichte wohl etwas gelernt. Doch er kündigt schon sein nächstes Zirkusprojekt an. Breu kommt wieder, Breu macht weiter. Da kann man den Kopf schütteln. Oder – wie ich – hoffen, dass die Premiere wieder in Winterthur stattfindet, damit man wieder in der ersten Reihe mit dabei sein kann.

Erstellt: 23.08.2019, 17:22 Uhr

Jakob Bächtold, Stv. Chefredaktor.

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