Leitartikel

Der Schutz der Anwohner hat Vorrang

Eine Temporeduktion soll endlich auch auf Kantonsstrassen die Regel sein, wenn es Sicherheit und der Lärmschutz erfordern.

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Beim Stichwort Tempo 30 gehen die Emotionen hoch. Da schlagen sich die Einwohner an Informationsveranstaltungen verbal schon mal die Köpfe ein. So etwa in Gachnang, als der Gemeinderat seine Pläne zur Verkehrsberuhigung präsentierte. Da rutschte es aus einem Befürworter heraus: «Wir verrecken langsam an diesem Verkehr.» Und umgehend machten sich die Gegner für einen raschen Transit durchs Dorf stark.

Das Thema ist in vielen Landgemeinden jetzt wieder auf dem Tisch. Nicht selten kommt der Wunsch nach einer Temporeduktion von der Bevölkerung selbst. So will Brütten die flächendeckende Einführung prüfen – auf Anregung der Einwohner. Auch in Wiesendangen setzten sich Einwohner dafür ein. Ende Oktober hat die Gemeinde konkrete Pläne präsentiert. Und in Lindau sind zwei von drei Zonen bereits realisiert. Sogar in der Stadt Winterthur prüft nun der Stadtrat das Temporegime auf der Feldstrasse in Veltheim ein weiteres Mal – auf Druck von Anwohnerinnen.

«Es geht nicht darum, Autofahrer zu piesacken.»

Mehr Sicherheit und weniger Lärm: Tempo-30-Zonen bringen beides. Das belegen mittlerweile Studien und Unfallauswertungen. So führte etwa das Umwelttechnik-Unternehmen Grolimund + Partner im Auftrag des Kantons Aargau und der Stadt Zürich Lärmmessungen durch. Die Studie vom Januar 2015 kommt zum Schluss, dass Tempo 30 den Lärm sogar halbiert.

Auswertungen von ausgewählten Tempo 30-Zonen der ETH zeigten schon im Jahr 2000 sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten rückläufige Unfallzahlen. Der Rückgang über alle Zonen sei beträchtlich. Auch die Unfallschwere habe deutlich abgenommen, heisst es. In städtischen Gebieten verringerte sich die Zahl der Verunfallten um rund 15 Prozent, in ländlichen gar um 45 Prozent.

Gegen Tempo-30-Zonen in Quartieren und bei Schulen oder Kindergärten haben auch die Automobilverbände nichts. Sturm laufen sie aber gegen das Verkehrsregime auf Kantonsstrassen. ACS wie auch TCS befürchten, dass sich mit der Temporeduktion der Schleichverkehr zurück in die Quartiere verlagert. Letzterer glaubt, dass es zu «höchst gefährlichen Rückstaus auf dem Nationalstrassennetz» kommt, wenn städtische Hauptstrassen den Verkehr des Nationalstrassennetzes nicht aufnähmen.

Genau gleich argumentiert die Kantonspolizei. Sie bewilligt Tempo 30 auf Kantonsstrassen darum nur sehr zurückhaltend und ist damit auf der Linie des Regierungsrates. Die Gemeinden haben jeweils grösste Mühe, ihre Begehren durchzubringen. Sie müssen erst mühsam Gutachten erstellen, die dann beweisen, dass sich eine gefährliche Ortsdurchfahrt nur mit einer Temporeduktion entschärften liesse. Jüngstes Beispiel ist Kyburg, wo 240 Personen im Dorfkern Tempo 30 fordern.

Das zeugt von einer vorgestrigen Verkehrspolitik und ist dringend zu ändern. Hier sind der Regierungsrat und letztlich der Kantonsrat gefordert. Nicht zuletzt weil auch das Bundesgericht letztes Jahr befand, dass Tempo 30 nur einen geringen und damit verkraftbaren Zeitverlust zur Folge hat.

Es geht nicht darum, die Autofahrer zu piesacken, sondern darum, Anwohner, Velofahrer und Kinder zu schützen. Es ist nicht die Tempo-30-Zone, die Staus verursacht, sondern der Verkehr, der immer mehr wird. Und es ist erwiesen, dass die Temporeduktion auch wirklich etwas bringt. Billig ist sie ebenfalls. Denn genügt eine simple Signalisation nicht, lässt sie sich notfalls auch mit Blitzkästen durchsetzen.

Erstellt: 15.11.2019, 14:57 Uhr

Nadja Ehrbar ist Redaktorin beim Regionalressort des Landboten.

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