Analyse

Die Frauenfrage bleibt das heisse Thema

Daniel Jositsch (SP) hat die Wiederwahl mit einem Glanzresultat geschafft. Ruedi Noser (FDP) muss in den zweiten Wahlgang und sich mit einer der beiden Kandidatinnen aus dem grünen Lager messen.

Marionna Schlatter (Grüne) am Wahlsonntag.

Marionna Schlatter (Grüne) am Wahlsonntag. Bild: Keystone

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Der erste Wahlgang im Ständeratswahlkampf endet mit zwei Überraschungen. Die erste ist das unerwartet gute Abschneiden des Bisherigen Daniel Jositsch (SP). Der eingemittete SP-Mann hat das absolute Mehr um fast 33000 Stimmen übertroffen – ein Resultat, das rekordverdächtig ist. Er holte Stimmen sowohl in den Städten als auch auf dem Land. Vor vier Jahren gelang ihm die Wahl im ersten Anlauf zwar nur knapp. Das war trotzdem eine Sensation, weil die Zürcher SP seit dem Ausscheiden von Emilie Lieberherr 1983 keinen Kandidaten mehr ins Stöckli brachte.

Die zweite Überraschung findet sich im grünen Parteienspektrum. Marionna Schlatter, die Kandidatin der Grünen und Parteipräsidentin, die erst seit März im Kantonsrat sitzt, überholte die bekannte GLP-Nationalrätin und Fraktionschefin Tiana Moser. Schlatter, die es nun in den Nationalrat geschafft hat, distanzierte Moser um immerhin knapp 15000 Stimmen. Die Soziologin und Pilzexpertin, die vor allem in den beiden Grossstädten Stimmen holte, verdankt ihr gutes Resultat massgeblich der SP-Basis, die sie – wie von der Parteileitung empfohlen – zusammen mit Jositsch auf den Wahlzettel setzte. So kam es zum gemeinsamen Höhenflug. Tiana Moser, obwohl eloquent und politisch erfahrener, konnte ausser dem eigenen Lager auf keine andere Partei zählen. So gesehen machte sie ebenfalls ein gutes Resultat. Sie schnitt deutlich besser ab als Ex-Parteipräsident Martin Bäumle vor vier Jahren. Trotzdem: Moser liess auf ein besseres Ergebnis hoffen.

Beiden Frauen ist klar, dass sich nun eine von ihnen zurückziehen muss, wenn der Schwung des Frauenstreiks und der Klimawahl auch im zweiten Wahlgang am 17. November beibehalten werden soll. Die Bereinigung wird schmerzlich sein. Beide Kandidatinnen werden gute Gründe vorbringen können, um im Rennen zu bleiben. Bleiben aber beide, platzt der Traum der Frauen- und Klimawahl augenblicklich. Gemäss der ungeschriebenen Spielregel muss jeweils diejenige Person mit dem schlechteren Ergebnis ausscheiden. 2007 war die grosse Ausnahme. Damals zog sich SP-Kandidatin Chantal Galladé zugunsten der bekannten Regierungsrätin Verena Diener (GLP) zurück. Der Linken ging es einzig darum, einen Ständerat Ueli Maurer (SVP) zu verhindern. Eine solche «Gefahr» droht aus linker Sicht derzeit aber nicht. Kandidat Roger Köppel (SVP) ist aufgrund seines Wahlergebnisses nicht wirklich eine Gefahr. Denn er holte über die SVP hinaus kaum Stimmen. Köppel schnitt sogar schlechter ab als vor vier Jahren sein Nationalratskollege Hans-Ueli Vogt, der alles andere als ein Star war.

Dass der Bisherige Ruedi Noser (FDP) in die zweite Runde muss, war zu erwarten. Für ihn und seine Partei wäre es natürlich günstiger, wenn Köppel aufgeben und stattdessen ihn zur Wahl empfehlen würde. Die Frauenkonkurrenz wäre damit aus dem Feld geschlagen. Doch nach den scharfen Geschossen, die Köppel gegen Noser (und Jositsch) abgefeuert hat, wäre eine solche Empfehlung völlig unglaubwürdig. Ganz ausgeschlossen scheint es derzeit nicht, dass Köppel aufhört. Er hat seinen Wahlkampfjob nun erledigt. Er selber findet, er habe die SVP vor dem Absturz bewahrt, was reichlich schönfärberisch ist. Nächste Woche entscheidet die Partei, was sie zu tun gedenkt.

Kommt es am 17. November zu einem Kräftemessen zwischen Noser, Köppel und einer Frau aus dem grünen Lager, bleibt ein Frauen-Überraschungssieg ein mögliches Szenario. Aber nur, wenn sich die links-grünen Kräfte ebenso wie die Frauen konsequent hinter die Kandidatin Schlatter oder Moser stellen. Nosers Wahlchancen bleiben dann weiterhin intakt. Er hofft, dass die Linke in ihm den sicheren Wert gegen Köppel sieht. Ob sie das tatsächlich tut, ist fraglich. Noser erzürnte die Linke kürzlich, als er sich im Ständerat für eine Verschiebung der Konzernverantwortungsinitiative bis nach den Wahlen starkmachte.

Auf seiner Seite hat Noser die Wahrscheinlichkeit. Der letzte amtierende Ständerat wurde 1967 abgewählt. Es war BGB-Mann Rudolf Meier, der damals über die Klinge springen musste. Mit Überraschungen ist aber in Zeiten der Klimademonstrationen zu rechnen. Das zeigte sich im März, als der Grüne Martin Neukom aus dem Nichts Regierungsrat wurde.

Erstellt: 21.10.2019, 07:05 Uhr

Thomas Schraner, Redaktor

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