Leitartikel

Eine ideale Notengebung gibt es nicht

Farbige Punkte anstatt Noten: Mit einem Systemwechsel in der Bewertung von Prüfungen hat die Primarschule Zinzikon schweizweit Schlagzeilen gemacht. Dabei ändert sich weniger, als Befürworter und Kritiker denken. Einen Versuch ist das Ampelsystem wert.

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Wenn es um Noten geht, hat jeder eine eigene Meinung. Eine Ahnung dagegen haben wenige. Das zeigt sich an den Reaktionen auf den Systemwechsel, den die Primarschule Zinzikon beschlossen hat. Ab der vierten Klasse werden Prüfungen in der Oberwinterthurer Schule nicht mehr mit einer Note beurteilt, sondern mit Farbpunkten.

Massgeblich dafür ist die Zielnote, die sich jedes Kinde mit der Lehrerin und den Eltern zu Beginn des Semesters gesetzt hat. Erreicht oder übertrifft es diese Note, bekommt es einen grünen Punkt, liegt es knapp darunter einen orangen, ansonsten sieht es Rot. Im Zeugnis stehen dann wieder Noten, so wie es das Gesetz verlangt.

In den Kommentarspalten, zumal der Boulevardpresse, war die Mehrheitsmeinung schnell gemacht: So ein Quatsch! Es werde, so einer der Vorwürfe, eine «Generation-Schneeflocke» herangezogen, Zärtlinge, die keine Kritik mehr vertrügen. Die Kommentatoren witterten eine Verweichlichung und den Mief der Reformpädagogik der 60er- und 70er-Jahre.

Die Selbstverständlichkeit, mit der auch heute noch Noten in der Schule vorausgesetzt werden, ist etwas lebensfern.

Tatsächlich hatte die «Fragwürdigkeit der Zensurengebung» in den 70er-Jahren Konjunktur. Ein gleichnamiger Sammelband war in der Schweiz ausgesprochen populär. Noten, so eine der Feststellungen, sind zunächst einmal mit Unschärfen verbunden. Das gilt selbst für scheinbar objektive Disziplinen wie Mathematik. Eine der Fehlerquellen ist zum Beispiel die Reihenfolge, in der Prüfungen korrigiert werden. Lehrer und Lehrerinnen haben eine Tendenz, unter dem Eindruck, dass nicht alle gleich schlecht sein können, bessere Noten zu verteilen, je länger die Korrektur andauert. Man spricht vom Reihungseffekt.

Analog gibt es den Kontrasteffekt, dass eine mittelmässige Leistung nach einer Serie sehr guter zu gering eingeschätzt wird. Ein grosses Problem ist auch, dass Lehrer vorgefasste, stabile Meinungen ausbilden, die ihre Bewertungen leiten. Und allgemein ist die Benotung oft zu wenig an objektiven Kriterien orientiert, wie es bildungspolitisch wünschbar wäre, sondern bildet primär die Rangfolge in der Klasse ab.

Die Selbstverständlichkeit, mit der auch heute noch Noten in der Schule vorausgesetzt werden, blendet nicht nur diese längst bekannten Beurteilungsunschärfen aus. Sie ist auch etwas lebensfern. In der Welt der Erwachsenen werden schliesslich keine Noten vergeben, weder in Arbeitszeugnissen noch in Feedback-Gesprächen taucht das Zahlenschema auf. Und es würde auch schwerlich akzeptiert. Was sollte ein Bauleiter, der die Kosten unterschritten hat, aber hinter dem Zeitplan liegt, mit einer Note 4,75 anfangen?

Man muss diese Einwände gegen das Notenschema ernst nehmen, aus ihnen aber keinen Verzicht auf Noten ableiten. Gerade die Geschichte der Notenkritik zeigt, dass bis heute kein besseres System gefunden wurde. Textliche Leistungsbeschreibungen zum Beispiel sind anfällig für Interpretationen und ersetzen differenzierte Urteile oft durch diffuse Freundlichkeiten. Feedback-Gespräche wiederum vermischen Beurteilung und Austausch. Und in vielen alternativen Varianten der Bewertung taucht im Hintergrund das Notenschema wieder auf.

Das kann man auch dem Zinziker Ampelsystem vorhalten, das selbst schwache Schüler zuverlässig in ein Notenschema zurückübersetzen können. Es deswegen als unnütz abzutun, wäre aber kurzsichtig. Der mögliche pädagogische Gewinn liegt im Prozess. Dass sich jeder Schüler Ziele setzen muss und daran gemessen wird, fördert die Selbstreflexion und das Bewusstsein, dass Erfolg das Resultat persönlicher Anstrengung ist. Die Ampel ist ein Trick, um die Aufmerksamkeit von Lehrerinnen und Schülern auf die Entwicklungschancen zu richten und aus dem System der fixen Klassenreihenfolge und Erwartungen auszubrechen. Ob das klappt, ist ungewiss. Allein mit den Ampelfarben ist es sicher nicht getan. Es braucht ein Umfeld, in dem Leistungen objektiv gemessen und Bewertungen nachvollziehbar gemacht werden. Und es braucht Lehrerinnen und Lehrer, die an die Entwicklungschance jedes einzelnen Kindes glauben und sie mit der Ampel nutzen wollen.

Erstellt: 30.08.2019, 18:14 Uhr

Marc Leutenegger ist Leiter des Stadtressorts beim Landboten.

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