Leitartikel

Eine Poststelle allein macht ein Dorf nicht lebendig

Statt Scheinmassnahmen gegen Poststellenschliessungen und Lädelisterben braucht es neue Ideen für Dörfer und Quartiere.

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Ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Anders kann man die politischen Vorstösse dieser Woche nicht beurteilen, mit der Kanton Zürich und Stadt Winterthur gegen die Poststellenschliessungen und gegen das Lädelisterben vorgehen wollen.

Der Kantonsrat will in Bern eine Standesinitiative einreichen, damit eine «gesamtschweizerische Poststellenplanung» erarbeitet und genehmigt wird, bevor weitere Dörfer und Quartiere ihre Post verlieren.

Eine Gesamtplanung? Das tönt nach nicht viel mehr als Zeitverzögerung. Egal. Die Mehrheit der Kantonsräte stimmt da natürlich zu. Es stehen ja Wahlen vor der Tür und die Postschliessungen sind beim Volk sehr unbeliebt.

In Winterthur soll der Stadtrat den Geschäften in der Altstadt mit Gebührensenkungen und mehr Parkplätzen dem Lädeli­sterben entgegenwirken. Die Antwort des Stadtrats auf dieses Begehren aus der FDP zeigt klar auf, dass diese Massnahmen nicht viel bringen würden. Es wäre höchstens Pflästerlipolitik.

«Globale Trends lassen sich mit lokaler Pflästerlipolitik nicht stoppen oder umkehren.»Jakob Bächtold,
Stv. Chefredaktor

Es sind zwei Versuche, auf politischem Weg gegen globale Trends vorzugehen. Gegen das Aufkommen von digitaler Post und Online-Banking oder gegen die Automatisierungen in der Brief- und Paketpost. Sowie gegen die Veränderung der Einkaufsgewohnheiten, die sich immer mehr ins Internet verlagern.

Vom Einkaufsbummel durch die Altstadt zum Klicken und Surfen durch die Online-Angebote zu Hause vor dem Bildschirm. Diese Trends – das wissen wahrscheinlich sogar die Politikerinnen und Politiker, die solche Vorstösse lancieren – lassen sich auf lokaler Ebene nicht stoppen oder umkehren.

Ein bisschen weniger Gebühren für die Verkaufsgeschäfte nützen da wenig. Genau so wenig wie wenn man nochmals und nochmals überdenkt, welche Poststellen man nun als nächste dicht macht. Wenn die Kundschaft ausbleibt, dann hilft eine «gesamtschweizerische Planung» auch nicht weiter.

Anstatt sich auf die Zukunft einzustellen, schwelgt man lieber in der Vergangenheit – und verklärt sie. Das ist besonders bei den Poststellen deutlich spürbar. Wenn man gewissen Politikerinnen und Politiker zuhört, könnte man meinen ein Postschalter sei ein erstklassiger sozialer Treffpunkt, der das Leben eines Dorfes auf wundersame Weise vielfältiger mache.

Sicher: Eine Poststelle ist vom Service her mehr als eine Agentur in einem Volg-Laden. Da findet für alle, die ihre Postgeschäfte nach traditioneller Art abwickeln wollen, ein Abbau statt. Darüber hinaus wird die Bedeutung einer Post in der aktuellen Diskussion aber überhöht. Es gibt wichtigere soziale Treffpunkte, als ein Postschalter. Solche Treffpunkte in einem Dorf oder Quartier zu schaffen, das wäre eine wertvolle Aufgabe für die Politik. Das würde der Gemeinschaft wirklich etwas bringen. Doch dies ist einiges schwieriger, als in Bern die Erhaltung der lokalen Poststelle zu fordern.

Es gibt gute Beispiele für Kulturangebote in den Dörfern, die von der Bevölkerung genutzt werden, etwa die Hirschenbühne in Stammheim, wo sich gute Küche mit Kunst zusammenkommt. Aber so etwas lässt sich nicht von oben verordnen. Da braucht es Ideen, ein Gespür für den richtigen Anlass, der dann von den Einwohnerinnen und Einwohnern auch wirklich geschätzt wird.

Ebenso ist die Förderung einer lebendigen Altstadt in Winterthur nicht einfach mit tieferen Gebühren und Parkplätzen zu haben. Es braucht Ideen, damit die Altstadt als ganzes attraktiver wird, damit ein Altstadtbummel ein Erlebnis bleibt, das viel mehr bietet, als man sich im Internet herunterladen kann. Der Samstagmarkt am Obertor ist ein Beispiel, eine junge Idee, die Einkauf und Begegnung verbindet.

Dass die lokale Politik die globalen Trends nicht umkehren kann, bedeutet also nicht, dass man gar nichts tun soll. Im Gegenteil. Um diese Probleme anzugehen und auch die Chancen zu nutzen, die sich durch die neuen Entwicklungen bieten, braucht es aber mehr als plakative Vorstösse.

(Der Landbote)

Erstellt: 08.03.2019, 11:36 Uhr

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