Leitartikel

Flugschämen Sie sich, aber nicht nur

Ja, es geht um Sie. Aber auch um politische Massnahmen, die längst hätten umgesetzt werden können.

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Ihre Schultern senkten sich fast unmerklich, die Augen suchten zwischendurch den Fussboden. Die Kollegin erzählte auf der Redaktion von ihrem letzten Flug, ein innereuropäischer Kurztrip, nur für eine handvoll Tage. Es entspann sich eine kurze Diskussion darüber, wie die Vielfliegerei als Klimasünde in den Fokus geraten war – das Gespräch blieb nicht lange ernst, aber dennoch: Sie war da und deutlich zu spüren, die Flugscham.

Und sie taucht in diesen Tagen immer wieder auf, in Gesprächen mit Kolleginnen und Bekannten, mit Eltern von Kindern, die am Freitag klima-streikten. In einer Woche beginnen die Ferien – erzählen Sie noch überall herum, wohin die Reise diesmal geht? Wie viele Meilen Sie dieses Jahr wegballern?

Scham ist ein erbarmungsloses Gefühl. Es bringt uns dazu, Regeln und Normen des Umfelds einzuhalten. Evolutiv war das sicher sinnvoll. Doch viele Menschen, die beschämt werden, legen beispielsweise ein Vermeidungsverhalten an den Tag. Schüchterne halten sich mit Wortmeldungen zurück. Wer sich zu dick fühlt, meidet die Badi.

Ob allerdings Flugscham-Leidende weniger fliegen, darf bezweifelt werden. Zu verlockend ist in den meisten Fällen der Lustgewinn, zu lächerlich tief die Preise. Vielleicht reden Sie auch einfach nicht mehr übers Fliegen. Oder Sie reagieren mit Gegenwehr und Trotz, um das beschämende Gefühl zu verdrängen: Mobilität ist ein Menschenrecht! Die Amerikaner sind viel schlimmer! Reisen bildet!

«Die Flugscham widerhallt bloss in der Echokammer einer klimabewussten westlichen Mittelschicht.»

Selbstverständlich sind die Fakten in der Fliegerei-Debatte nicht wegzudiskutieren. Es gibt viele gute Gründe zu Fliegen, und viele sehr schlechte. Sei es Freizeit oder Business; ein gewichtiger Teil der Flugbewegungen dürfte verzichtbar sein. Umso erschreckender wirken die Zahlen aus der Klimaforschung: Die Fliegerei soll je nach Berechnung für zwei bis fünf Prozent des menschgemachten CO2-Ausstosses verantwortlich sein. In der Schweiz liegt der Wert sogar noch deutlich höher, bei ungefähr 18 Prozent.

Das Fliegen ist für den individuellen CO2-Verbrauch klar schlimmer als Fleischessen und Autofahren zusammen. Man schmälert also viele gute Klima-Taten, wenn man Ende Jahr doch noch kurz in die Kanaren jettet. Und der globale Trend zum Fliegen bricht nicht ab: Aktuell werden jährlich vier Milliarden Flugpassagiere gezählt, in 20 Jahren soll die Zahl doppelt so hoch sein.

Flugschämen Sie sich also ruhig ein bisschen, lassen Sie Dubai dieses Jahr aus und nehmen Sie nach London den Zug. Aber seien Sie sich auch bewusst, dass die Flugscham, die bloss in der Echokammer einer klimabewussten westlichen Mittelschicht widerhallt, angesichts der erdrückenden Zahlen und Prognosen ein Tropfen auf dem heissen Stein ist. Neben der persönlichen Ebene führt an harten regulatorischen Massnahmen kein Weg vorbei.

Viele davon harren einzig der politischen Realisierung. So unterliegen Flugtickets in der Schweiz noch immer keiner Mehrwertsteuer und Airlines müssen nur auf Inlandflüge eine Mineralölsteuer entrichten. Auch eine obligatorische Klimaabgabe fehlt. Zudem könnte mittels politischer Instrumente auch das aktuell aufgeblähte Flugangebot begrenzt werden, oder die Fluggesellschaften könnten stärker in die Pflicht genommen werden, ihren Tanks Bio-Treibstoff aus Landwirtschafts-Abfällen beizumischen.

Und wie immer ist nicht alles schwarz-weiss: Wenn Sie trotz allem fliegen, können Sie dem Klima auch einfach ein bisschen helfen. Zum Beispiel, indem Sie Non-Stop-Flüge buchen: Ungefähr 25 Prozent der Emissionen entstehen während Start und Landung. Und falls Sie die Wahl haben: Fliegen Sie Economy statt Business, mit der dichteren Bestuhlung verkleinert sich Ihr CO2-Ausstoss um ein Vielfaches. Vielleicht ja auch Ihre Scham. Guten Flug!

Erstellt: 05.07.2019, 13:38 Uhr

Mirko Plüss, Reporter

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