Leitartikel

Gewinnen wird, wer besser mobilisieren kann

Für die Parteien geht es bei der Stadtratswahl am 7. Juli um viel. Doch die Wählerinnen und Wähler scheinen eher gleichgültig.

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Die Wahl vom nächsten Sonntag ist eine Überraschung. Eine Überraschung darum, weil es selten nur ein Jahr nach der Gesamterneuerungswahl schon Rücktritte gibt. Doch Yvonne Beutler (SP) entschied sich, per Ende Oktober in die Privatwirtschaft zu wechseln und überrumpelte damit alle.

Allen voran die eigene Partei. Eine Nachfolge war verständlicherweise noch nicht aufgebaut worden, entsprechend breit musste die SP nach möglichen Kandidierenden suchen. Eine Frau liess sich nicht finden und schliesslich stellte die SP mit Kaspar Bopp einen Kandidaten auf, der seit drei Jahren nicht mehr in der Politik aktiv ist.

 Der Ton im Wahlkampf ist giftiger als auch schon, vor allem in den sozialen Medien.

Es mag ein Trost gewesen sein, dass es der Widersacherin SVP auch nicht besser erging. Diese kündigte zwar eine Gegenkandidatur an, fand aber niemanden, der kandidieren wollte. Nur die GLP stand mit Annetta Steiner bereit, was nicht erstaunt, wenn man weiss, dass die Partei schon sechs erfolglose Stadtratskandidaturen hinter sich hat.

Trotzdem wirkt die SP nervös. Der Ton im Wahlkampf ist giftiger als auch schon, vor allem in den sozialen Medien. Das liegt nicht an den Kandidierenden selbst, sondern eher an ihren Unterstützern. Man spürt: es geht um viel. Die SP will um jeden Preis verhindern, dass die eben erst erkämpfte links-grüne Mehrheit wieder kippt. Und die GLP weiss, dass die Auslage günstig ist und will ihre Chance packen, endlich im Stadtrat mitzutun.

Bei vielen Winterthurerinnen und Winterthurern ist eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Wahl auszumachen. 

Doch während es für die Parteien um sehr viel geht, ist bei vielen Winterthurerinnen und Winterthurern eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Wahl auszumachen. Dies nicht zuletzt darum, weil die Positionen der beiden Kandidierenden nahe beieinander liegen. Gerade in grünen Fragen, die durch die Klimastreiks aktuell ganz oben auf der Prioritätenliste stehen, waren die beiden fast immer gleicher Meinung. «Ich kann mich zwischen den beiden einfach nicht entscheiden.» Solche Aussagen gab es in den letzten Tagen immer wieder zu hören.

Welche Faktoren werden für eine Wahl ausschlaggebend sein? Da wäre zum Beispiel die Frauenfrage. Die meisten Politikerinnen sagen zwar, das Geschlecht spiele für sie bei der Wahl keine so grosse Rolle. Doch sehen das auch die Wählerinnern so, die keiner Partei angehören? Holt Steiner vielleicht Stimmen, die an die SP gegangen wären, hätte sie eine Frau portiert? Oder überzeugt Bopp die Frauen mit seinen Unterstützungs-Zusagen?

Eine Prognose zum Wahlausgang abzugeben, ist unmöglich.

Die Wählerinnen und Wähler müssen sich überdies fragen, was sie sich für die nächsten Jahre wünschen. Ein Weitergehen mit rot-grüner Mehrheit? Jetzt sei der Stillstand der letzten Jahre endlich aufgehoben, halten SP-Vertreterinnen fest. Die GLP dagegen plädiert dafür, eine Kraft der Mitte in den Stadtrat einzubinden und so Vorlagen breiter abzustützen. Zudem betont sie, sie habe aufgrund ihrer Wählerstärke Anrecht auf einen Sitz.

Zentral dürfte zudem der Faktor Mobilisierung sein. Vor allem mit Blick darauf, dass bis gestern Freitag erst rund 11840 Personen ihre Wahlzettel abgegeben haben, das sind 17 Prozent. Zum Vergleich: Im zweiten Wahlgang der Ersatzwahl für Matthias Gfeller (Grüne) hatten 5 Tage vor der Wahl immerhin 19000 Personen gewählt, die Wahlbeteiligung betrug schliesslich 36 Prozent.

Die SP scheint bezüglich Mobilisierung im Vorteil, denn sie verfügt über eine breitere und treue Stammwählerschaft. Entscheidend wird sein, ob die Parteien und Verbände, die Steiner offiziell unterstützen, auch ihre Mitglieder bewegen können, wählen zu gehen. Gelingt dies, könnte es der GLP diesmal reichen.

Eine Prognose zum Wahlausgang abzugeben, ist unmöglich. Zu ähnlich sind die Kandidierenden in ihren Positionen. Zu viele Faktoren sind noch schwierig einschätzbar. Aber klar scheint: Gewinnen wird, wer seine Anhängerschaft besser mobilisieren kann.

Erstellt: 28.06.2019, 14:47 Uhr

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