Leitartikel

Greenwashing: Die Klimadebatte wird als PR-Vehikel missbraucht

Auch in der Privatwirtschaft wollen nun alle grün sein – auch wenn sie gar nicht viel ändern. Das ist unglaubwürdig.

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«Ha, ich bin ja eigentlich super grün! Ich wohne nahe bei meiner Arbeit, bin noch nie viel geflogen und pflanze mein Gemüse ohne Pestizide in meiner Pünt an. Ich sollte das viel mehr herausstreichen!», befand ein Kollege jüngst beim Mittagessen.

Er handhabt das nicht erst seit Beginn der momentanen Klimadebatte so, jetzt aber lässt sich seine für ihn gewohnte und selbstverständliche Lebensweise plötzlich als Verkaufsargument einsetzen. Nicht nur Kollegen beim Mittagessen und die Politik haben es bemerkt, auch jedem Unternehmen ist klar, dass sich aus öffentlicher Aufmerksamkeit mit der richtigen Strategie Profit schlagen lässt.

Es ist einfach, sich Labels anzuheften. Es ist schwieriger, ihre Authentizität von aussen zu beurteilen. «80 Prozent unserer Mitarbeitenden fahren mit dem Velo zur Arbeit», klingt super, aber wer weiss schon, ob sie das nicht bereits seit 20 Jahren so machen?

«Wie so oft im Leben gilt auch hier: Was wirklich einen Unterschied macht, ist oft mit Anstrengung verbunden.»

Natürlich ist der Fakt an und für sich positiv und das Ergebnis erstrebenswert, aber die Intention einer Firma gerade jetzt damit an die Öffentlichkeit zu gehen, ist kaum komplett selbstlos. Selbstverständlichkeiten als bedeutsamen Effort fürs Klima auszugeben, ist anmassend wenn nicht gar heuchlerisch.

In die gleiche Kategorie gehört das simple Umbenennen oder Rebranding von Produkten oder Prozessen. Plötzlich ist alles «green» und «clean» hergestellt. Derselbe Effekt lässt sich bei vielen Themen beobachten, die öffentliches Interesse wecken. Was nicht alles mit glutenfrei, vegan oder regional angeschrieben wurde, das noch überhaupt nie Gluten oder tierische Produkte enthalten hat und schon immer lokal hergestellt wurde.

Bewegungen lassen sich relativ einfach als PR-Vehikel missbrauchen. Nur weil ein Unternehmen T-Shirts mit «Go Feminism!» bedruckt, heisst das noch lange nicht, dass es diese Werte tatsächlich lebt und selbst umsetzt. Es heisst in erster Linie, dass das besagte Unternehmen T-Shirts verkaufen möchte.

Natürlich lässt sich darüber diskutieren, ob ein Beitrag zum kollektiven Bewusstsein nicht auch seinen Wert hat – wahrscheinlich hat er das. Wer aber so wirbt und sich selbst unter ein Label stellt, zu dessen Umsetzung er nicht mehr beiträgt, als eine griffige PR-Strategie auszuarbeiten, ist vor allem opportunistisch und in mehrfachem Wortsinn berechnend. Und gerade beim Klima reichen rein ideelle Beiträge in Form von hübschen Produkthüllen nicht mehr aus.

Wie so oft im Leben gilt auch hier: Was wirklich einen Unterschied macht, ist oft mit Anstrengung verbunden. Auf individueller Ebene ist angekommen, dass Fliegen, günstige Wegwerfmode und einmal täglich ausgiebig heiss baden der Klimasituation nicht zuträglich ist.

Wollen sich Unternehmen also glaubhaft einsetzen, müssen sie bereit sein, ihre Massnahmen mit finanziellen Investitionen zu stützen: Die Prozesse müssen tatsächlich verbessert werden, damit die Produkte «clean» sind und regional einzukaufen ist teurer, statt Produkte einzufliegen. Es reicht auch nicht aus, die Aufgabe subtil an die Mitarbeitenden weitergeben zu wollen, in dem man einmal pro Jahr einen Velo-Tag einführt.

Als Konsumentin und Kundin stehe ich damit vor einer weiteren Herausforderung: Das Label ist grün, irgendwo steht «fair» und hat diese Firma nicht damit geworben, dass man auf dem Mitarbeiterausflug wandern geht? «Klingt gut, kauf ich», denk ich. Überprüfen würde unverhältnismässigen Aufwand bedeuten.

Wir tun aber gut daran, im Hinterkopf zu behalten, dass sich unter einem grünen Deckmäntelchen manchmal doch nicht mehr als reine Verkaufstaktik verbirgt.

Erstellt: 12.04.2019, 17:10 Uhr

Nicole Döbeli ist Co-Leiterin des Regionalressorts beim Landboten.

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