Leitartikel

Trump zu ignorieren, ist keine Option

Der US-Präsident fährt im Autokonvoi über hiesige Autobahnen, und die ganze Schweiz schaut zu. Warum eigentlich?

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«Und das alles für den grössten Clown der Welt.» So kommentierte ein Leser in einem Internetforum den gigantischen Aufwand, den die Polizei dafür betreiben musste, Donald Trump und seinen Tross von Gefolgsleuten sicher von Davos nach Kloten zu bringen, und zwar auf der Autobahn. Die Kosten, sie sind der eine grosse Aufreger dieser Aktion, die am Mittwoch die halbe Schweiz verfolgt hat. Der andere Aufreger ist eben die Aufmerksamkeit, die man einer eigentlichen Nichtigkeit entgegenbringt. Ist es wirklich von Belang, wenn der US-Präsident ein paar Stunden Auto fährt?

Diese Frage wurde auch in der «Landbote»-Redaktion diskutiert. Ohne hier eine Nabelschau zu beginnen, nur so viel. Ein Teil der Redaktion argumentiert, dass der US-Präsident an Winterthur vorbeifahre, sei ein News-Ereignis. Der Mann, der wie kein anderer die Schlagzeilen dominiert, der weltweit polarisiert, ist plötzlich nicht mehr ein Abbild im Flachbildfernseher, er fährt am Autobahnzubringer in Oberwinterthur vorbei. Das ist banal, aber es irritiert: Die Welt ist plötzlich jenes globale Dorf, das die Wirtschaftselite am WEF in Davos seit Jahren propagiert. Die internen Kritiker fanden, eine Vorbeifahrt schwarzer Limousinen sei nicht relevant, schon gar nicht lokal. Immerhin stand ja nicht der Stadtpräsident am Strassenrand, um dem US-Präsidenten zuzuwinken.

Man möchte beiden Seiten recht geben. Und doch bleibt Trump zu ignorieren keine Option. Das gilt nicht nur für die Medien und ihren permanenten Kampf um Aufmerksamkeit. Über eine Million Mal wurde ein Video von der Vorbeifahrt Trumps im Internet angeklickt, auch auf den Onlineportalen der Zeitungen dominierte die Geschichte über den Konvoi die Meistgelesen-Listen. Die Alternativlosigkeit eines Donald Trump, sie betrifft die Leser und Zuschauerinnen, und zwar aus zwei Gründen.

Der erste hat mit der Person Donald Trump zu tun. Bei allem, was man gegen diesen Mann einwenden kann – und die Liste, das wissen auch seine strammsten Anhänger, ist lang –, eines kann man ihm nicht vorwerfen: dass er langweilig sei. Ob er mit einem Filzstift auf einer offiziellen Wetterkarte eigenmächtig den Weg einzeichnet, den ein Hurrikan nehmen wird, nur um eine falsche Aussage zu kaschieren. Ob er die Erfindung des Rades in den USA verortet. Oder ob er einen Regenschirm vor dem Eingang in die Air Force One einfach aus der Hand gleiten lässt, weil er ihn nicht zu schliessen weiss – kurzum bei aller vorgeführten Idiotie –, niemand kann sagen, was Donald Trump als Nächstes macht. Er ist damit in der Politik die absolute Ausnahme. Kaum eine Domäne ist so berechnet, so austariert und temperiert. Angela Merkel, in ihrer Verlässlichkeit und Kompetenz für viele ein Gegenentwurf zu Donald Trump, wägt ihre Worte so lange ab, bis ihr niemand mehr zuhören mag. Trump, der Ex-Host einer TV-Show, verwandelt Politik in Entertainment. Es ist vielleicht die einzige Kompetenz, die man ihm vorbehaltlos zuschreiben mag. Trump ist wie das Ekelvideo aus dem Dschungelcamp: Man will es nicht sehen und schaut trotzdem hin.

Trump ist wie das Ekelvideo aus dem Dschungelcamp: Man will es nicht sehen und schaut trotzdem hin.Marc Leutenegger
Leiter Ressort Stadt

Nicht hinzusehen, ist aber zweitens auch darum keine Option, weil es sich um den einflussreichsten Mann der Welt handelt, und einen, der mit dieser Verantwortung in einer Leichtfertigkeit umgeht, die ihresgleichen sucht. Ein möglichst vollständiges Bild von Donald Trump zu haben, sich über ihn auszutauschen, ist konstitutiv für den aussenpolitischen Dialog. Das mag weit hergeholt klingen, wenn es bloss um einen Autokonvoi geht. Aber man erinnere sich etwa an den letzten US-Präsidenten und seine Angewohnheit, innezuhalten und gegen Anraten seines Secret Service öffentlich einen Burger zu essen. Während in seiner Heimat im Senat das Amtsenthebungsverfahren begonnen hat, ist Trump per Helikopter in Davos eingeschwebt, hat die Klimabewegung verunglimpft und ist über die Autobahn abgerauscht.

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Marc Leutenegger, Leiter Ressort Stadt

Erstellt: 25.01.2020, 14:18 Uhr

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