Leitartikel

Kirchgemeinde verspielt Geld und Vertrauen

Marc Leutenegger kommentiert die neueste Episode im Wirrwarr um die künftige Nutzung des Hauses an der Liebestrasse.

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Und wer nicht mehr weiterweiss, gründet einen Arbeitskreis. Die alte, boshafte Weisheit mit der Eingängigkeit eines Kinderreimes, ist leider das Erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man zusieht, wie sich die reformierte Kirchgemeinde Stadt auf der Suche nach einer neuen Nutzung des Hauses an der Liebestrasse gebärdet –jenes Hauses, das als Kongresshaus mehr schlecht als recht funktioniert hat.

Nachdem die ominöse Stiftung verschwunden ist, die das Haus kaufen oder zumindest hätte mieten sollen, will die Kirchgemeinde nun eine Task-Force einsetzen, die ein Zukunftsszenario entwirft. Im Klartext heisst das, die Kirchgemeinde ist wieder so weit, wie sie vor einem Jahr schon einmal war. Um das Haus offen zu halten, wie das die Kirchenbasis will, braucht sie ein wirtschaftlich tragfähiges Betriebskonzept.

Dass dieses keine Gastronomie mehr einschliesst, ist der einzige Parameter, der dabei als sicher gelten kann. Als Kongresshaus mit Bankett-Infrastruktur hatte das Kirchgemeindehaus über Jahre Defizite geschrieben. Diesen Weg wird die Kirche nicht weitergehen.

Zeit und Geld gehen zur Neige, derweil die Kirchenpflege wieder von vorne beginnt

Das Intermezzo mit der Stiftung, deren Namen nie öffentlich wurde, hat wieder Monate verstreichen lassen. Und offenkundig hat es die Kirche versäumt, mit einem Plan-B vorzusorgen. Der Ärger darüber geht nicht nur die Mitglieder der Gemeinde etwas an, sondern alle Reformierten in der Stadt und alle Steuerzahler.

Denn die Stadt und der reformierte Stadtverband hatten der Kirche mit je 70 000 Franken ausgeholfen, um das Übergangsjahr 2018, sprich die Entwicklung einer Lösung zu finanzieren. Ob dieser Betrag ausgeschöpft wird oder nicht, Zeit und Geld gehen kontinuierlich zur Neige, derweil die Kirchenpflege mit dem Prozess gerade wieder von vorn beginnt. Und wieder geht es nur mit halber Kraft voraus.

Einen beschlussfähigen Vorschlag wird die Kirchenpflege bis zur nächsten Versammlung im November nicht haben. Schon eine voll besetzte Task-Force zu diesem Zeitpunkt wäre ein Erfolg.

Das heisst nichts anderes, als dass es wieder Diskussionen über ein Übergangsbudget braucht und wieder den Auftritt als Bittsteller. Ob sich Stadtverband und Stadt aber noch einmal in die Tasche greifen lassen, ist unklar. Die Kirchenpflege hat viel Vertrauenskapital aufgezehrt. Und die ständige Unsicherheit, ob und wie es mit dem Haus weitergeht, macht die Aussichten auf eine gute Vermietung nicht besser.

Das Fiasko ist angerichtet. Man muss es so deutlich sagen, ohne in eine distanzlose Anklage zu verfallen. Die Ausgangslage ist tatsächlich anspruchsvoll. Die laufenden Diskussionen über eine Kirchenfusion binden viele Ressourcen. Das Präsidium der Kirchgemeinde Stadt wurde gerade neu besetzt.

Und dann ist da der Umstand, dass es eine sichere Hand braucht, um ein denkmalgeschütztes Kirchgemeindehaus als Eventlokalität zum Florieren zu bringen. Erst recht, wenn da auch noch der Beisatz moralischer Restriktionen ist. Indoor-Goa-Party um die Kirchenorgel? Eine Fetisch-Messe? Die GV der Auns? Alles undenkbar.

Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) hat der Kirchgemeinde diese Woche Hilfe angeboten. Die Verwaltung würde Unterstützung bieten, die Potenziale des Kirchgemeindehauses abzuklären. Es ist eine nette Geste. Mit etwas Zynismus könnte man aber auch nach der Qualität dieser Hilfe fragen: Beim Semper-Stadthaus oder beim Dachstock des Museums hat sich gerade die Stadt nicht als besonders kreativ bei der Umnutzung hervorgetan.

Das mag auch daran liegen, dass die Quadratur des Kreises versucht wurde oder wird. Vielleicht sind die Ziele nicht realistisch, und die Niederlage ist programmiert. Nur entbindet selbst dieser mögliche Kontext die Verantwortlichen nicht von ihren Pflichten.

Die reformierte Kirchgemeinde Stadt steht mit öffentlichem Geld und Vertrauen ausgestattet in der Pflicht, zu handeln und transparent über ihre Schritte zu informieren, was sie bisher versäumte. Wenn sie ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will, braucht es nicht nur zügig diese Task-Force, sie muss auch eine echte Kraft, ein echter Antrieb sein und kein zirkulärer Arbeitskreis. (Der Landbote)

Erstellt: 31.08.2018, 16:05 Uhr

Marc Leutenegger ist Leiter des Stadtressorts beim Landboten.

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