Leitartikel

Lasst die Swica bauen

Ob der geplante Swica-Neubau gefällt oder nicht, ist die falsche Frage. Es gibt keinen vernünftigen Grund, der Firma zu verbieten, auf ihrem eigenen Land zu bauen, was alle Fachstellen und das Parlament gutheissen.

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Gefällt Ihnen der geplante Swica-Neubau? Finden Sie ihn zu gross für den Villengürtel? Es ist einerlei. An der Abstimmung um den Swica-Gestaltungsplan am 20. Oktober geht es nicht um ein Schönheitsurteil. Sondern einzig und allein um die Frage: Ist den Behörden, die das Projekt bewilligt haben, ein grober Schnitzer passiert?

Die Ausgangslage: Die Krankenkasse Swica möchte sich auf ihrem eigenen Land einen neuen Hauptsitz bauen. Dabei hat sie aufwändige Auflagen einzuhalten. Erst eine Testplanung, dann ein Architekturwettbewerb, alles in enger Zusammenarbeit mit dem Bauamt und dem kantonalen Denkmalschutz.

Letztlich erlaubt die Stadt der Swica im Gestaltungsplan, 30 Zentimeter höher zu bauen als es im Zonenplan vorgesehen wäre. Im Gegenzug erfüllt die Versicherung zahlreiche Anforderungen der Stadt an die Bauqualität und Aussengestaltung. Der Gemeinderat ist zufrieden mit dem Resultat und heisst den Gestaltungsplan mit 50 zu 2 Stimmen gut.

Der Bewohnerinnen- und Bewohnerverein Inneres Lind kämpft allein auf weiter Flur, keine einzige Partei unterstützt sein Anliegen. 

Besser abgestützt als dieser Gestaltungsplan kann ein privates Bauprojekt gar nicht sein. Dass die Swica jetzt nochmals die ganze Stadtbevölkerung um Erlaubnis bitten muss, bevor sie bauen darf, ist ein seltener Vorgang. Zu verdanken ist er einzig und allein einem sehr rührigen Quartierverein. Der Bewohnerinnen und Bewohnerverein Inneres Lind kämpft allein auf weiter Flur, keine einzige Partei unterstützt sein Anliegen.

Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die Argumente verfangen nicht. Es ist nicht plausibel, dass dieser Gestaltungsplan einen Präzedenzfall schafft. Bauherren werden auch künftig nicht einfach übergrosse Bauten in empfindliche Quartiere klotzen können. Die Hürden für einen Gestaltungsplan sind hoch und entscheidend sind die Verhältnisse vor Ort, keine abstrakten Präzedenzfälle.

Dem Denkmalschutz vorzuwerfen, er habe einen Kuhhandel begangen und einen wertvollen Zeitzeugen geopfert, ist ungerecht. Wie hart die Denkmalpfleger verhandeln, zeigt sich allein daran, dass auf der anderen Strassenseite künftig drei von vier Swica-Gebäuden unter Schutz stehen werden. Der Campus an der Römerstrasse gleicht einem denkmalgeschützten Dorf, einem Versicherungs-Ballenberg.

Diese Zerstückelung verträgt sich schlecht mit modernen Arbeitsprozessen. Dass die Swica mit dem Neubau einen Sprung nach vorne wagen will, ist verständlich. Andere grosse Arbeitgeber haben es vorgemacht. Die Axa und die Stadtverwaltung haben ihre Büros im Superblock zusammengezogen. Rieter baut sich in Töss einen neuen Hauptsitz, Givaudan hat seinen in Kemptthal schon bezogen.

Von Luxus auf Kosten der Prämienzahler kann beim Swica-Projekt keine Rede sein: Bei 330 Arbeitsplätzen auf diesem kompakten Platz geht es zwangsläufig um Grossraumbüros. Und wenn die Swica-Versicherten trotzdem unzufrieden sein sollten, steht es ihnen frei, ihren Unmut mit einem Kassenwechsel auszudrücken. In der Vergangenheit war es freilich umgekehrt: Die Swica ist seit Jahren führend bei der Kundenzufriedenheit, das ist ein Grund für ihr Wachstum.

Dass die Swica in den nächsten fünf Jahren über 100 gut qualifizierte Arbeitsplätze schaffen will, ist für Winterthur eine gute Nachricht. Dass sie es das schaffen will, ohne einen einzigen Parkplatz mehr zu fordern, ist ebenso überzeugend wie die Energiebilanz des geplanten Neubaus. Von einem «Büromonster» zu sprechen, ist bei einem fünfstöckigen Gebäude reichlich dramatisiert. Zumal das Innere Lind nie ein reines Wohnquartier war, man denke nur an die grossen Versicherungsgebäude Richtung Altstadt.

Sogar die Gegner attestieren dem Projekt eine gute Architektur. Sie stören sich einzig daran, dass es in ihrem Quartier steht. Einen wunden Punkt trifft das Referendumskomitee allerdings: Dass ein Minergie-Gebäude abgerissen werden muss, das keine 20 Jahre alt ist, ist unschön. Das kann man allerdings nicht der heutigen Swica-Management anlasten, sondern dessen Vorgängern, die um die Jahrtausendwende zu zögerlich geplant haben.

Dass die Bevölkerung in vielen Fragen mitbestimmen kann, ist ein hohes Gut. Bei einem privaten Bauprojekt sollte man sein Vetorecht an der Urne aber zurückhaltend einsetzen. Ein Prinzipienstreit um 30 Zentimeter sollte nicht ein derart breit abgestütztes Projekt torpedieren.

Swica-Neubau-Abstimmung 20. Oktober

Erstellt: 04.10.2019, 14:43 Uhr

Michael Graf ist Stadtredaktor beim Landboten.

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