Leitartikel

Neue BMX-Bahn würde sich für Winterthur lohnen

Die Anlage im Dättnau genügt den Anforderungen nicht mehr, aber der Stadtrat verweigert drei Millionen Franken für die Sanierung.

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Im Fussball oder Eishockey ist für Winterthur nichts zu holen; die Meistertitel werden in anderen Städten und mit anderen Clubbudgets vergeben. Die Handballer waren nahe dran, die Unihockeyaner schon länger nicht mehr. Die besten Chancen auf nationale Pokale hegen derzeit die Basketballerinnen und Wasserballerinnen. Und damit wären wir bei den Nischen, in denen Winterthur im Sport punkten könnte.

BMX gehört eindeutig dazu. Seit der Olympiapremiere 2008 in Peking traten für die Schweiz ausschliesslich Winterthurer zu diesen Radrennen mit Sprüngen und engen Kurven an: Roger Rinderknecht in Peking sowie London und David Graf in Rio. Graf schloss die letzte Weltcupsaison auf Platz 3 ab, diesen Sommer an den Olympischen Spielen in Tokio besitzt er Medaillenpotenzial. Mit ihm, Simon Marquart und Cédric Butti stammen drei der vier erfolgreichsten Mitglieder des aktuellen Nationalkaders von Powerbike Winterthur, dem führenden Schweizer Club. Aktuell liegen Graf und Marquart in der Poleposition für zwei Startplätze in Tokio. In der Weltrangliste befindet sich die Schweiz, dank Winterthur, auf Platz 4.

«Die Infrastruktur ist ein entscheidender Punkt für die Entwicklung eines Athleten, das ist in allen Sportarten so»Roger Rinderknecht,
Nationaltrainer und zweifacher Olympiateilnehmer

Das alles kommt nicht von ungefähr. Denn im Dättnau existiert eine BMX-Piste, auf der seit Jahren die kleinsten Talente bis hin zum Olympiafahrer trainieren, Rennen bestreiten und sich treffen, was die Jungen zusätzlich anspornt. «Die Infrastruktur ist ein entscheidender Punkt für die Entwicklung eines Athleten, das ist in allen Sportarten so», erklärt Rinderknecht, der bis Tokio als Nationaltrainer amtet und dann von Graf abgelöst wird. «Die Bahn im Dättnau hat dazu beigetragen, dass viele aus der Gegend so gut sind. Es ist kein Zufall.» Inzwischen aber ist sie in die Jahre gekommen und entspricht nicht mehr den gestiegenen Anforderungen. Europacuprennen sind keine mehr möglich, von Weltcup ganz zu schweigen. Vor allem fehlen – auch fürs Training – die Startrampen von fünf und acht Metern Höhe; der Start im BMX ist kapital.

Im Hinblick auf die Olympiasaison wohnt und trainiert Graf in Stuttgart. Dort findet er die Bedingungen vor, die er hier nicht hat: Eine komplette Rennpiste mit zwei grossen Startrampen, die einzige in Deutschland. «Das macht Stuttgart zum Hotspot für alle ambitionierten BMX-Sportler in Europa», wirbt die BMX-Union Stuttgart auf ihrer Homepage. Marquart ist letztes Jahr nach Aigle gezogen, wo der Weltverband UCI für Trainings eine Bahn mit Weltcupstart unterhält. In Grenchen stehen die einzigen anderen grossen Rampen der Schweiz, allerdings fehlt dort eine ganze Piste.

«Drei Millionen sind für künftige Olympiasportler nicht zu viel.»Urs Stanger, Leiter Sportredaktion

Powerbike wollte die Anlage im Dättnau auf den international tauglichen Standard bringen, womit sie längerfristig «der Hotspot» der Schweiz geblieben wäre. Kinder, Jugendliche und Elite könnten profitieren – in einer Sportart mit dem klimaneutralsten Fortbewegungsmittel schlechthin. Drei Millionen Franken hätte Winterthur beitragen sollen, doch der Stadtrat lehnte ab. «Das Projekt hätte die Chancen maximiert, dass es so weiter geht wie bisher», sagt Rinderknecht. «Die optimale Lösung ist nicht zu Stande gekommen. Das ist sehr schade, aber nicht das Todesurteil für den Club. Man wird nun prüfen, welche Varianten realisierbar sind.»

«Bezüglich Sportinfrastruktur verhält sich die Stadt zu defensiv, das zeigt sich nun auch in der ablehnenden Haltung gegenüber einem Ausbau der Eishalle.»Urs Stanger, Leiter Sportredaktion

Winterthur hat ein Flair entwickelt, sich in diversen Bereichen mit seinen Möglichkeiten und auf seine Art einen guten Namen zu verschaffen. Die Nische BMX würde perfekt dazu passen, sportliche Erfolge sind immer sehr schöne Werbung für eine Stadt. Diese Chance wurde vertan. Sind drei Millionen für künftige Olympiasportler wirklich zuviel? Nein. Auf den ersten Blick mag der Betrag hoch sein, doch er würde für eine nachhaltige, zukunftsorientierte Lösung verwendet, verbunden mit einem Imagegewinn für Winterthur. Bezüglich Sportinfrastruktur verhält sich die Stadt zu defensiv, das zeigt sich nun auch in der ablehnenden Haltung gegenüber einem Ausbau der Eishalle.

Erstellt: 17.01.2020, 17:34 Uhr

Urs Stanger, Leiter Sportredaktion

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