Leitartikel

Wer Preise verleiht, muss auch Preise erhöhen

Die Stadt Winterthur verleiht der lokalen Klimastreik-Bewegung den Jugendpreis – und setzt sich damit selbst unter Druck.

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Die Klimabewegung ist in der bemerkenswerten Situation, dass sie mit ihren Forderungen vielerorts offene Türen eingerannt hat und sich nun gegen die Vereinnahmung durch etablierte Kräfte wehren muss. So lehnte Greta Thunberg am Dienstag den Umweltpreis des Nordischen Rates mit der Begründung ab, dass es keine weiteren Preise, sondern Politiker brauche, die auf die Wissenschaft hören.

Ähnliche Worte wählte die Winterthurer Klimajugend diesen Donnerstag: «Winterthurer Politiker sollten endlich ihre Verantwortung wahrnehmen und Massnahmen ergreifen.» Allerdings nahmen die Klimastreikenden den mit 10000 Franken dotierten vom Stadtrat verliehenen Jugendpreis entgegen.

Der Satz, den der Stadtpräsident an die Klimajugend richtete, hat einen bitteren Beigeschmack.Delia Bachmann Redaktorin Stadt

Obwohl sie sich an jenem Abend durchaus kritisch äusserten, wirft die Entscheidung, den Preis anzunehmen, Fragen auf: Verletzen sie damit ihre selbst auferlegte Unabhängigkeit? Und signalisieren sie so nicht Unterstützung für jene Politik, gegen die sie eigentlich protestieren? Man kann das so oder so sehen. Wichtiger ist aber die Frage, ob es der Sache, sprich dem Klimaschutz dient.

Und hier ist die Antwort ein klares Ja. Eine Ablehnung wäre einer unnötigen und kontraproduktiven Provokation gleichgekommen. Gegen offene Türen kann man nicht anrennen und man sollte auch nicht so tun als wären sie noch zu. Die Klimajugend von Winterthur hat ihre Chance gepackt und den Platz am Tisch eingenommen, den sie sich mit ihrem Engagement auf der Strasse erkämpft hat.

Gewonnen haben die Klimastreikenden dabei viel mehr als das Preisgeld, das sie nun für Kreide, Farbe und Transparente ausgeben können, wie Kritiker monierten. Zwar betont die Stadt, dass der Jugendpreis dem Engagement gilt und nicht als Stellungnahme des Stadtrats zu den klimapolitischen Forderungen zu verstehen sei.

Doch die Botschaft, die ankommt, ist eine andere. So wiesen die Klimastreikenden in ihrer «Dankesrede» darauf hin, dass nach dieser Logik auch ein neofaschistischer Jugendverein den Preis erhalten könnte. Derweil sprach Raphael Perroulaz, Präsident der Jungfreisinnigen Winterthur, von einem «Affront gegenüber der Stadtbevölkerung, wenn eine links-grüne Stadtregierung ihre eigenen Anhänger finanziell belohnt und so ein deutliches politisches Statement setzt.»

Ob der Stadtrat will oder nicht: Die Auszeichnung der lokalen Klimastreik-Bewegung stellt ein politisches Bekenntnis dar. Damit setzt er sich selbst unter Druck, mehr zu tun als bisher. Denn wer Preise verleiht, muss auch Lösungen finden, die den Namen verdienen. Kampagnen (Stadtgmües) und Schreibwettbewerbe (Glückswettbewerb) sind keine adäquate Antwort auf die Klimakrise.

Stattdessen müssen bestehende Anstrengungen wie Häuserisolationen, der Abbau von Öl- und Gasheizungen und der Ausbau von Wärmeverbünden und Quartierheizungen verstärkt und zusätzliche Massnahmen ergriffen werden, etwa bei der Mobilität oder bei der Energieversorgung. Wenn es der Stadt ernst ist mit dem Klimaschutz, darf sie auch vor unpopulären Entscheiden wie Preiserhöhungen nicht zurückschrecken.

Bis es soweit ist, hat der Satz «Wir nehmen euch ernst», den Stadtpräsident Michael Künzle bei der Preisverleihung an die Vertreter der Klimajugend richtete, einen bitteren Beigeschmack. Der Nachsatz, der Preis gelte dem Engagement, sei aber nicht als politische Stellungnahme zu werten, ist vor diesem Hintergrund wenig hilfreich.

Denn damit sagt der Stadtrat salopp ausgedrückt: Es ist nett, dass ihr auf die Strasse geht und euch so engagiert. Schön auch, dass die Jugend wieder politischer wird. Wir haben eure Forderungen gehört und werden das bei Gelegenheit besprechen, dieses Jahr oder sonst im nächsten. Unverbindlichkeit, in ihrer politischen Reinform.

Erstellt: 01.11.2019, 18:14 Uhr

Delia Bachmann,
Redaktorin Stadt

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