Kommentar

Professionalisierung ist der richtige Weg

Mirko Plüss über die Missstände im Winterthurer Sozialdepartement.

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Die Sozialen Dienste informieren grundsätzlich transparent über den verschleppten Sozialhilfe-Betrugsfall. Die wenig rühmlichen Erkenntnisse einer mehrmonatigen Untersuchung legen sie fast vollumfänglich offen.

Dennoch bleiben drängende Fragen: Warum genau blieb das 85 000-Franken-Dossier so lange liegen? Wo geschahen ganz konkret die Fehler und gab es so etwas wie ein bewusstes Wegsehen? Und weshalb haben die externen Experten keinen einzigen weiteren Fall aus der fraglichen Zeitspanne genauer angeschaut?

Der Fall zeigt auch welch hoher Belastung die Sozialhilfeabteilungen ausgesetzt sind.

Der ­Leiter der Sozialen Dienste verweist hier bloss auf das grosse Vertrauen, das er in seine Mitarbeiter hat. Und sagt, dass eine Ausweitung zu ausufernd geworden wäre.

Unbefriedigend ist auch, dass es erst einen derart grossen Betrugsfall gebraucht hat, bis zwischen der Revisionsstelle und den zuständigen Sozialberatern ein vernünftiger Kontrollmechanismus installiert wurde.

Künftig sollen jene, die eine Unregelmässigkeit entdecken, über die weiteren Massnahmen informiert werden. Kein Fall soll in den Mühlen der Bürokratie untergehen können. Sollte das in Zeiten rasant wachsender Sozialhilfeausgaben nicht längst eine Selbstverständlichkeit sein?

Der Fall wird den Wahlkampf von SP-Stadtrat Nicolas Galladé, der diese Woche in den Sportferien weilt, erschweren. Doch der Fall ist, nach jetzigem Stand, ein Einzelfall. Wie stark die Kritik an Galladé und seinem Sozialdepartement ausfällt, bleibt abzuwarten.

Dabei darf nicht vergessen werden, welche Verantwortung auch die Lokalpolitik für die Qualität der Winterthurer Sozialarbeit hat: Im Superblock kann man weder auf ein externes Controlling noch auf Spezialteams wie in der Stadt Zürich zurückgreifen. Zudem war die Falllast der Sozialberater in den letzten Jahren enorm hoch: 145 Fälle ­wurden jährlich pro Vollzeitstelle ­bearbeitet. Das kann nicht den 85 000-Franken-Betrugsfall entschuldigen, es zeigt aber die hohe Belastung der Sozialhilfeabteilungen.

Einen wichtigen Schritt hat das städtische Parlament im Dezember getan. Es folgte einem Antrag von Galladé und sprach für vorerst ein Jahr 720 000 Franken für elf zusätzliche Sozialarbeiterstellen. Zuvor hatte eine ZHAW-Studie belegt, dass bei weniger Fällen pro Berater mehr Klienten wieder eingegliedert werden können.

Die Gesamtkosten sinken, wenn die Falllast reduziert wird. Beim ­Zuwachs der Sozialhilfebezüger zeichnet sich weiterhin kein Stopp ab. Deshalb ist diese durch den Stellenausbau erst mögliche Professionalisierung der Sozialberatung so wichtig.

(Der Landbote)

Erstellt: 09.02.2018, 10:54 Uhr

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