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Reformiert Euch!

Der stellvertretende Chefredaktor des Landboten über die chronische Personalnot der Kirchgemeinden.

Um die Behörden in den reformierten Kirchgemeinden steht es so schlecht, wie noch nie. Da gibt es nichts schönzureden. Immer mehr Kirchenpflegen suchen vergeblich nach Mitgliedern. Und wenn sie eine Interessentin oder einen Interessenten für ein Amt gewinnen können, springen diese immer schneller wieder ab.

Die Landeskirche erklärt, dass sich die Zahl der Problemgeimenden in den letzten vier Jahren verdreifacht hat. Wobei da die Fälle, in denen die Behörden chronisch um «nur» ein oder zwei Personen unterbesetzt sind, noch nicht mitgezählt sind. In Extrembeispielen wie in Benken hofft man nur noch darauf, dass sich nach dem ersten Wahlgang irgendjemand erweichen lässt.

Sonst muss dann halt die Landeskirche übernehmen. Diese schickt eine Sachwalterin oder einen Sachwalter, wenn eine Gemeinde handlungsunfähig wird. Das ist bisher nur vereinzelt vorgekommen. Doch wenn sich in den nächsten Monaten nicht da und dort noch ein Wunder ereignet, dann wird es zu Beginn der neuen Amtszeit so viele notverwaltete Kirchgemeinden geben, wie noch nie.

Die üblichen Verdächtigen in solchen Fällen sind die «Leute von heute», die sich nicht mehr in Gremien engagieren wollen. Dieses Argument ist bei jeder Art von Freiwilligenmangel schnell zur Hand. Die jüngeren Menschen wollen sich nicht mehr festlegen, nutzen ihre Wohngemeinde nur noch als Schlafort, denken vor allem an ihre Berufskarriere, kommen nicht an die Gemeindeversammlung oder an einen Kirchenanlass und interessieren sich erst recht nicht für ein Amt. Diese Klischees mögen teilweise sogar zutreffen, sie sind aber arg vereinfacht.

Die Gesellschaft verändert sich zweifellos. Doch wer dies als Generalentschuldigung für die Probleme einer Institution heranzieht, macht es sich zu einfach. Dass das Argument nur teilweise zieht, zeigt sich auch daran, dass die Behörden insgesamt recht wenige Vakanzen zu verzeichnen haben.

Es ist schlicht nicht mehr zeitgemäss, wenn ein Freiwilliger am Feierabend einen Kleinbetrieb führen muss.

Anders als befürchtet, stehen für die meisten Ämter bei den Gemeinde- und Schulwahlen genügend Bewerber zur Verfügung. An erfreulich vielen Orten haben die Bürgerinnen und Bürger sogar eine Auswahl und es kommt zu Kampfwahlen.

Dass die Kirchen deutlich stärker unter der Personalnot leiden, mag mit dem geringeren Prestige eines Kirchenamts zusammenhängen. Der Titel «Gemeindepräsident» zählt wohl mehr denn jener eines «Kirchenpflegepräsidenten». Doch auch das reicht als Erklärung nicht aus. Vielmehr müssen sich die Kirchgemeinden reformieren, um ihre Rekrutierungsprobleme zu lösen.

Die Kirche muss sich ihren Mitgliedern anpassen und nicht umgekehrt. Es ist schlicht nicht mehr zeitgemäss, von einem Behördenmitglied zu verlangen, als Freiwilliger am Feierabend einen Kleinbetrieb zu führen, wie ihn eine reformierte Kirchgemeinde mit allen Angestellten von der Pfarrerin über den Sozialdiakon bis zum Sigristen darstellt. In den grossen Gemeinden entspricht die Kirchgemeinde rasch einem mittleren KMU mit zwei Dutzend Mitarbeitern. Da ist es nur logisch, dass es sich Interessierte zweimal überlegen, bevor sie sich eine solche Verantwortung aufladen.

Darum wäre es dringend nötig, dass die Kirchgemeinden ihre Verwaltung professionalisieren. Ob es dazu gleich einen Studiengang braucht, wie er an der Fachhochschule Nordwestschweiz unter dem Titel «CAS Verwaltungsleitung in der Kirche» nun schon angeboten wird, sei dahingestellt. Wichtig wäre vor allem, dass ein personell ausreichend ausgestattetes Büro die Kirchenpflege von möglichst viel administrativem Kleinkram entlastet.

Dass betroffene reformierte Kirchgemeinden erklären, sie könnten sich eine solche Verwaltung aus Geldmangel nicht leisten, ist etwas erstaunlich. Sicher: Auch die Reformierten haben nicht mehr so viele Mittel zur Verfügung wie noch vor ein paar Jahren. Doch mit der Möglichkeit Kirchensteuern einzuziehen stehen sie nach wie vor gut da. Es bräuchte also den Mut, die strukturellen Probleme einmal grundsätzlich anzugehen, und dafür auch die nötigen finanziellen Mittel bereit zu stellen.

Unverständlich ist es, wenn die Landeskirche jenen Gemeinden, die neue Wege ausprobieren, noch Steine in den Weg legt. Dass eine Kirchenpflege die Last des Präsidialamtes auf zwei Leute verteilt, ist eine moderne und innovative Lösung. Dafür sollte man keine halblegalen Tricks anwenden müssen, wie das jetzt der Fall ist, wenn sich eine Person als Präsident offiziell wählen lassen muss, um dann die Co-Leitung informell einzuführen. Auch hier mangelt es an Flexibilität.

Und schliesslich gilt: Neue Ideen und Führungsstrukturen können in grösseren Gemeinden sicher einfacher umgesetzt erden, als in Mini-Institutionen. Auch darum ist es sinnvoll, wenn die reformierten Kirchgemeinden ihre Fusionspläne vorantreiben. Der Mangel an Behördenmitgliedern zeigt: Es ist höchste Zeit dafür, dass sich die Landeskirche weiter reformiert.

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