Zum Hauptinhalt springen

TribüneMilizsoldaten am Grenzzaun

Unser Konstanzer Kolumnist hat die Schweizer Nachbarn vermisst und freut sich, dass die Armee-Uniformen wieder im Schrank verschwinden.

Tobias Engelsing ist Historiker, Direktor der Museen Konstanz und schreibt für den «Landboten» Kolumnen von knapp ennet der Grenze.
Tobias Engelsing ist Historiker, Direktor der Museen Konstanz und schreibt für den «Landboten» Kolumnen von knapp ennet der Grenze.
Foto: Heinz Diener

Drei Monate lang war das war ein Anblick, den ich nicht vergessen werde: Schweizer Milizsoldaten im Tarnfleck und mit umgehängtem Sturmgewehr patrouillierten am Grenzzaun zwischen Kreuzlingen und Konstanz. Was genau sie da abwehren wollten? Viren reagieren bekanntlich nicht auf militärische Abschreckung. Doch das Signal war verständlich: Hier ist unsere Grenze, ihr seid draussen, wir sind drin, Austausch derzeit nicht erlaubt. Wir Konstanzer waren von unserem natürlichen Umland abgeschnitten, wurden zur einsamen Insel: vorne Wasser, hinten eine geschlossene Staatsgrenze. Die Bundesrepublik setzte zwar keine Soldaten zur Grenzsicherung ein. Aber auch Deutschland hat sich nach dem 13. März eingeigelt und Verstösse gegen das sogenannte «Grenzregime» unter Strafe gestellt.

Ich wohne direkt am Grenzbach. Meinen Versuchen, mit den dort eingesetzten jungen Schweizer Milizionären ins Gespräch zu kommen, war anfangs kein Erfolg beschieden: Woher aus der Schweiz sie denn stammten, wollte ich wissen. «Dörfe mer nöd säge!» Auch ihre Waffengattung durften sie nicht nennen. Nur so viel wurde verraten: «D Verpflegig isch sehr guet!» Nach drei Wochen zog das erste Kontingent der Grenzbewacher ab. Die Lage hatte sich entspannt, die Nachrücker waren gesprächiger: Sie stammten aus Graubünden, waren zuvor noch nie am Bodensee gewesen. Wenn alles vorbei sein würde, wollten sie zum Kurzurlaub kommen, versprachen sie. Da hätte ich am liebsten ein paar Gutscheine für unser Museumscafé über den Zaun geworfen. Aber auch das war verboten.

Mein erster Gang über die Grenze: zur Tägerwiler Bäckerei, echte frische Bürli kaufen.

Tobias Engelsing, Museumsdirektor

Als Alemanne fehlte mir der Austausch mit der Schweizer Nachbarschaft. Ich mag die «Aktionen» in Migros und Coop, will wissen, wie in Ermatingen der Wein steht, ob Kurt Läubli im Untersee Fische fängt. Familie und Freundeskreis haben sich darauf gefreut, die Museen in Ittingen, Winterthur und Zürich wieder besuchen zu können. Denn der wirtschaftliche, soziale und kulturelle Austausch ist unser Normalfall. Das Sturmgewehr auf dem Rücken der Milizionäre am «Grenzhaag» war die Ausnahme. Nationalstaaten sichern das Dasein des Staatsvolks, in Krisenzeiten auch durch eine zeitweilige Grenzschliessung. Das haben alle verstanden und akzeptiert. Aber jetzt ist es schön, dass der Tarnfleck im Schrank hängt und wir uns an Unterschieden und Gemeinsamkeiten wieder erfreuen können. Mein erster Gang über die Grenze: zur Tägerwiler Bäckerei, echte frische Bürli kaufen!