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Kolumne von Milo RauMundgeruch der Demokratie

Das Problem bei der «Cancel Culture» sind die Opportunisten: die Veranstalter, die Verlage, die Intendanten, die Universitäten, die einknicken, nur um ihren Hals zu retten.

«Ich wurde insgesamt vielleicht 50-mal gecancelt»: Regisseur Milo Rau in der Schaubühne Berlin, 2017.
«Ich wurde insgesamt vielleicht 50-mal gecancelt»: Regisseur Milo Rau in der Schaubühne Berlin, 2017.
Foto: Keystone

Jedes Sommerloch birgt eine Frage, an deren Beantwortung sich der politische Standort des Antwortenden so genau ablesen lässt wie die Körpertemperatur anhand eines Thermometers. Aktuell lautet diese Frage: Was ist «Cancel Culture»? Also die Praxis, Künstler und Intellektuelle, wenn sie nicht auf der gleichen politischen Linie liegen, an der Ausübung ihres Berufs zu hindern. Das geschieht meistens, indem man sie auf dem Netz mit Shitstorms überzieht, bis die klassischen Medien einsteigen – und schliesslich der jeweilige Veranstalter einknickt.

Simpel gesagt, ist «Cancel Culture» also ein hysterischer Auswuchs des medialen Meinungskampfs. Je nachdem, ob man mit den Ausgeladenen einverstanden ist, wird man ihr Cancelling als moralisch absolut notwendig oder als grässliche Beschneidung der Kunstfreiheit empfinden – und damit, wie gesagt, nur die eigene politische Position markieren. Interessanterweise spielen sich die heissesten Cancel-Kämpfe deshalb in Graubereichen ab, wo sich aufgrund von Mehrdeutigkeit die Moral umso mehr erhitzt. Sie beruhen auf instinktiven, in der ersten Hitze der Debatte verkeilten und in der Folge dann natürlich strategisch zementierten Missverständnissen.

Ich wurde abwechselnd als Palästina- oder Israelunterstützer, unreflektierter Sexist oder Gendersternchenstalinist, nervender Moralapostel oder zynischer Subventionsvernichter dargestellt.

In meiner Karriere wurde ich insgesamt vielleicht 50-mal gecancelt. Theater sagten meine Stücke ab, Zeitungen druckten meine Artikel nicht, Länder verweigerten die Einreise. Immer wieder montierten Leute Aussagen aus Interviews oder Schnipsel aus meinen Filmen, um zu beweisen, dass ich was auch immer für verwerfliche Dinge praktizierte. Ich wurde abwechselnd als Palästina- oder Israelunterstützer, unreflektierter Sexist oder Gendersternchenstalinist, nervender Moralapostel oder zynischer Subventionsvernichter dargestellt – immer das, was dem Mainstream im betreffenden Milieu oder Land gerade als besonders verwerflich galt.

Zum Glück leben wir, was die Folgen von «Cancel Culture» angeht, in friedlichen Zeiten. In der Französischen Revolution lag, wer in einem der revolutionären Clubs niedergeschrien wurde, tags darauf unter der Guillotine. Gemäss der paranoiden Logik der «Cancel Culture» musste der gefeierte Tugendheld von gestern der finsterste Unhold von heute sein. Fast die gesamte Blüte der französischen Intelligenz wurde so innerhalb von 20 Jahren ermordet – bis Napoleon an die Macht kam und die jakobinische «Cancel Culture» insgesamt cancelte.

Kurzum: «Cancel Culture» ist der Mundgeruch der Demokratie. Sie nervt, sie bringt unsere bösartigsten Instinkte zum Tragen, aber ohne sie geht es nicht. Das Problem sind die Opportunisten: die Veranstalter, die Verlage, die Intendanten, die Universitäten, die einknicken, nur um ihren Hals zu retten. Ganz ehrlich: Das Geschrei meiner Feinde hält mich wach, beweglich, am Denken. «Unsere Filmemacher setzen perfektes Licht. Aber sie haben nichts Interessantes mehr zu beleuchten», schrieb einmal Rüdiger Suchsland, mein Lieblingsfilmkritiker. Wir Künstler sind dazu da, die Welt nicht nur abzubilden, sondern sie gegen uns aufzubringen. Lang lebe «Cancel Culture»!