Regensdorf

«Muslime sitzen immer auf der Anklagebank»

Die Radikalisierung von Muslimen in der Schweiz wird breit diskutiert. Doch eine pauschale Attacke gegen alle Muslime mache die Sache nur schlimmer. Das sagt Sakib Halilovic, Imam der Justizvollzugsanstalt (JVA) Pöschwies. Auch sein Beruf steht immer wieder unter Beschuss.

Sakib Halilovic ist seit Sommer 2017 vollamtlich in der JVA Pöschwies als Imam tätig.

Sakib Halilovic ist seit Sommer 2017 vollamtlich in der JVA Pöschwies als Imam tätig. Bild: Leo Wyden

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Sakib Halilovic, Sie haben als Imam einen ziemlich ungewöhnlichen Arbeitsort.
Sakib Halilovic: Ja, ich bin seit vergangenem Sommer hier vollamtlich angestellt. Davor habe ich hauptsächlich in einer Moschee gearbeitet und hatte ein Teilzeitpensum in der Pöschwies, beispielsweise um das Freitagsgebet zu halten.

Wie gross sind die Unterschiede?
Die «Gemeinschaft» in der Pöschwies ist viel heterogener als in der Moschee einer Gemeinde: sprachlich, ethnisch und kulturell. Zweitens haben die Leute, die ich hier betreue, äusserst unterschiedliche und bewegte Biografien, sonst wären sie ja nicht hier. Natürlich gab es in der Moschee auch Bedarf an Gesprächen über unglückliche Fälle – Probleme hat man schliesslich überall. Aber das war eine ganz andere Welt.

Mit welchen Problemen kommen Gefangene zu Ihnen?
Sie erzählen sehr oft bewegende Geschichten voller Frustrationen, Sorgen und Ängste, auch ganz konkrete. Zum Beispiel, ob jemand ausgeschafft wird: Nach Russland etwa können Personen ausgeschafft werden, aber ein Tschetschene, mit dem ich gesprochen habe, nahm diese Tatsache als Gefahr wahr. Er fürchtete um sein Leben, ja nur schon darum, am Flughafen gekidnappt und nur über Lösegeld wieder freigelassen zu werden. Das gilt auch für bestimmte afrikanische und südamerikanische Gefangene. Blutrache ist auch ein Thema, das einige beschäftigt, und auch das sind unglaublich bewegende und besorgniserregende Geschichten. Da «sitzt» ein Mann jahrelang, und irgendwann muss er sich die Frage stellen: Was jetzt? Einerseits bedeutet das Gefängnis einen Verlust der Freiheit, andererseits ist es für ihn ein sicherer Ort – hier muss er nicht um sein Leben fürchten.

Wie verarbeiten Sie solche Geschichten?
Das ist eine grosse Herausforderung, wobei es für meine Kollegen wohl einfacher ist, weil die reformierte und katholische Seelsorge etabliert ist. Es gibt Supervisionen, Beratungen – im mus-limischen Metier haben wir das nicht. Eine Balance zu finden, ist schwierig. Auf der einen Seite will ich möglichst nah am Menschen sein, damit sie meine Empathie und Solidarität spüren und dass ich sie ernst nehme. Andererseits laden sie ihren ganzen Kummer auf mir ab. Das macht meinen Beruf belastend, man braucht Stärke. Durch meine jahrzehntelange Erfahrung als Imam habe ich einen Mechanismus geschaffen, der mir hilft, die Balance zu finden, wenn ich draussen oder zu Hause bin und mit der Familie oder mit Freunden abschalten kann.

Was sind weitere Aufgaben eines Imams im Gefängnis?
Die Gespräche mit den Gefangenen bilden den wichtigsten Teil meiner Arbeit. Ich bin ausserdem Ansprechperson für alle Angestellten und die Gefängnisleitung sowie Teil des Seelsorgeteams, mit dem ich ein- bis zweimal im Jahr auch interreligiöse Feiern organisiere. Ich leite das Freitagsgebet oder diskutiere mit Gefangenen die Übersetzung und Bedeutung von Koranstellen. Auch die Organisation von Festivitäten wie Ramadan und dem Opferfest gehören zu meinen Aufgaben.

Die JVA Pöschwies ist das erste und einzige Schweizer Gefängnis, das vollamtlich einen Imam angestellt hat. Warum?
Wenn man den öffentlichen Diskurs über Islam und Radikalisierung betrachtet, ist dieser Schritt sehr logisch. Als Imam, der immer präsent ist, schaffe ich eine Art der Sensibilisierung und Prävention. Die Gefahr, dass sich jemand radikalisiert, ist mit meiner Präsenz geringer.

Die Radikalisierung von Häft-lingen ist ein viel diskutiertes Thema. Europäische Gefängnisse seien «Hotspots» für den islamistischen Extremismus, heisst es. Wie nehmen Sie das wahr?
Ich kann natürlich nur von meiner Erfahrung in der JVA Pöschwies sprechen. Wir hatten bis jetzt keinen Fall, von dem wir sagen können, dass er sich hier radikalisiert hätte. Um ehrlich zu sein: Viele Gefangene finden es seltsam, dass man dieses Thema überhaupt aufnimmt. Die grössere Wahrscheinlichkeit für eine Radikalisierung ist draussen. Häftlinge hier haben wenig leere Zeit, sie arbeiten, besuchen Kurse, absolvieren eine Anlehre oder Lehre und haben Möglichkeiten zu Sport- und Freizeitaktivitäten. Sie sind fast immer beschäftigt. Nicht zuletzt sind soziale Medien einer der stärksten Faktoren für eine Radikalisierung – und zu denen haben sie hier keinen Zugang.

Das ist ziemlich das Gegenteil davon, was in den Medien diskutiert wird.
Ja, jetzt reden Sie mit jemandem, der jeden Tag mit diesem Thema konfrontiert ist. Aber es gibt natürlich Gefangene, die Schwierigkeiten damit haben, mit bestimmten Themen umzugehen. Sie lesen Zeitung, schauen fern und sehen, was in Syrien geschieht oder mit den Rohingya in Burma, die ja auch Muslime sind. Wenn sie damit überfordert sind, ist die Gefahr real, dass sie sich aus Gefühlen der Frustration mit bestimmten Gedanken auseinandersetzen.

Wie reagieren Sie in solchen Fällen?
Ich versuche, diesen Menschen ein ganzheitliches Bild zu vermitteln. Ein Beispiel: Wenn Trump Muslimen aus bestimmten Ländern den Zutritt in die USA verwehren will, dann erkläre ich ihnen, dass Trump dasselbe mit den Mexikanern versucht. Mit Religion hat das nicht mehr viel zu tun. Ich versuche auch zu zeigen, dass Politiker oft von den Emotionen von Menschen profitieren. Im Übrigen besteht die Gefahr, dass der Diskurs über Muslime seinen Teil zur Radikalisierung beiträgt.

Weil Muslime per se als radikal und gefährlich gelten?
Ja, das ist eine total paradoxe Situation. Durch den öffentlichen Diskurs müssen Muslime immer ihre Unschuld beweisen. Sie sitzen ständig auf der Anklagebank. Es gibt Leute, die damit umgehen können, sich arrangiert haben, andere können das nicht. Ich wünsche mir einen sachlichen Diskurs über das Thema – ohne Generalisierungen. Natürlich bedeutet das auf keinen Fall, dass man nicht über konkrete Fälle sprechen darf. Das muss man. Aber eine pauschale Attacke macht die Sache nur schwieriger.

Sie bieten generell weniger Angriffsfläche. Sie gelten als Vertreter eines liberalen Islams und werden oft als Brückenbauer bezeichnet.
Ich würde mich als Teil der schweigenden Mehrheit bezeichnen. Das heisst, dass ich als Muslim wie die absolute Mehrheit der Muslime in der Schweiz lebe: vernünftig, traditionell, integriert, fleissig. Ich verneine nicht, dass man mit bestimmten Muslimen Probleme hat, aber im Grunde hat die Schweiz kein muslimisches Problem, und darauf bin ich stolz.

Ihr Berufsstand steht immer wieder in der Kritik. Vergangenen Juli wurde im «Tages-Anzeiger» von Ihren beiden Arbeitskollegen Nebi Rexhepi und Bilal Yildiz behauptet, Beziehungen zu Salafisten respektive zur türkischen Religionsbehörde Diyanet zu haben. Wie nehmen Sie dazu Stellung?
Die Berichterstattungen kann ich nicht abschliessend beurteilen, aber die Imame, die in der JVA Pöschwies tätig sind, machen einen sehr professionellen Eindruck auf mich. Das Thema Bespitzelung kann ich nicht kommentieren. Was meinen Beruf angeht, sehe ich politische Widersprüche: Da wird so oft über radikale Imame in Hinterhöfen und Hassprediger gesprochen und verlangt, dass Imame ihre Ausbildung hier absolvieren, Deutsch sprechen und integriert sind. Und dann kommen bestimmte politische Kreise und fordern die Abschaffung der Ausbildung von Imamen und die Einstellung der Seelsorge. Im Kanton Freiburg wurde erst vor kurzem eine solche Initiative lanciert. Was macht man dann?

Arbeiten Sie heute noch mit Rexhepi und Yildiz zusammen?
Ja, die beiden Kollegen arbeiten weiterhin nebenamtlich in meinem Team. Sie unterstützen mich vor allem im Bereich der persönlichen Gespräche. Dazu vertritt mich manchmal mein Sohn Abduselam, vor allem wenn es um das Freitagsgebet geht. Die offizielle Sprache für die Einführung, die Koranschule oder das Freitagsgebet ist Deutsch, und er ist in der Schweiz aufgewachsen und studiert Islamwissenschaften an der Universität Zürich. Daneben gibt es je einen reformierten und einen katholischen Seelsorger, die beide auch Mitarbeiter haben. Wir sehen uns als Team und setzen damit ein Zeichen, dass es auch sehr entspannt sein kann. Auch das ist eine Form der Prävention – nicht nur gegen Radikalisierung. Rechtsextreme, Nationalisten und Rassisten gibt es überall. Deshalb setzen wir ein Zeichen.

Auf dem Thema der islamistischen Radikalisierung liegt auch kantonal und national ein starker Fokus. Gerade den Kanton Zürich hat Justizministerin Simonetta Sommaruga in hohen Tönen gelobt. Wie arbeiten Sie daran mit?
Der Kanton hat zusammen mit der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz), in der ich Mitglied bin, und mit Unterstützung der reformierten und katholischen Kirche eine Trägerschaft gegründet, die die muslimische Seelsorge bereitstellt. Sie heisst «Quams»: Qualitätssicherung der muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen. Sie bietet Weiterbildungen für an Seelsorge interessierte Muslime an, sei es für Spitäler, Altersheime, Schulen oder allgemein für Notfälle. Leute weiter auszubilden – damit meine ich nicht nur Imame –, ist ein konkreter Schritt gegen Radikalisierung, und ich bin stolz, Teil davon zu sein.

Wie steht das mit dem Nationalen Aktionsplan (NAP) gegen Radikalisierung in Zusammenhang?
Quams ist eine kantonale Angelegenheit und insofern nicht Teil des NAP im engeren Sinne. Wenn man sich aber das Paket ansieht, dann entspricht unser Vorhaben auch dem Gedankengut des NAP. Gleichzeitig geht es aber über die Prävention von Radikalisierung hinaus: Es geht darum, ein Netzwerk aufzubauen.

Sie haben am Anfang dieses Interviews geäussert, dass Ihre Kollegen der reformierten und katholischen Seelsorge auf eine bessere fachliche Struktur zurückgreifen können. Ist es das, was Sie sich auch für Imame wünschen?
Ja, wir müssen auf Ausbildung, Struktur und Infrastruktur aufbauen können. Die Weiterbildung an der Universität Bern, die ich absolviere, ist ein Anfang. Mein reformierter Kollege, Frank Stüfen, bereitet ausserdem eine spezifische Weiterbildung für Leute vor, die im Gefängnis arbeiten und keine offizielle Ausbildung dafür haben. Das sind konkrete Schritte, doch uns steht noch viel bevor. Ein Dachverband oder Verein ist wichtig, um eine fachliche Begleitung und Supervision unserer Arbeit aufzustellen. Dann wären wir für die Herausforderungen in unserem Beruf besser gewappnet.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 05.04.2018, 13:39 Uhr

Zur Person

Sakib Halilovic wurde am 9. Januar 1966 in Bosnien und Herzegowina geboren. Er studierte an der Fakultät für islamische Wissenschaften der Universität Sarajevo. Seit 1992 lebt er in der Schweiz. An der ZHAW studierte er «Religiöse Begleitung im multikulturellen Umfeld» und beendete den Studiengang mit einer Abschlussarbeit zum Thema «Islamische Seelsorge». Zurzeit absolviert er an der Universität Bern die ordentliche Aus- und Weiterbildung «Seelsorge im Straf- und Massnahmenvollzug» (SSMV).

Bis im Sommer 2017 leitete Sakib Halilovic den Dzemat der islamischen Gemeinschaft Bosniens in Schlieren als Imam. Seither ist er als Imam-Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies tätig. Er ist Mitglied des Vorstands der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) und der Gefängnisseelsorgekommission im Kanton Zürich, er engagiert sich im Verein «Qualitätssicherung der muslimischen Seelsorge in öffentlichen Institutionen im Kanton Zürich» und hat Einsitz im Beirat des Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg.

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