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200 Seiten für den ermordeten Vater

Semiya Simsek ist die Tochter des ersten Opfers der Rechtsterrorgruppe NSU. Sie hat ihrem Vater ein Buch gewidmet, in dem sie ihm ein Gesicht gibt – und Deutschland anklagt.

Für die Deutschtürkin Semiya Simsek ist der nächste Mittwoch ein grosser Tag. Es ist jener Tag, an dem das Oberlandesgericht in München die Geschichte des Mordes an ihrem Vater aufzurollen beginnt. Simsek will vor Ort sein und der angeklagten Rechtsterroristin Beate Zschäpe in die Augen sehen. Sie will wissen, weshalb die Mörder ihren Vater ausgesucht haben. Diese Frage beschäftigt sie seit 13 Jahren. Simsek war ein Teenager, als ihr Vater getötet wurde. Verwandte holten sie im September 2000 mitten in der Nacht ins Spital an sein Sterbebett. Jemand hatte ihm neunmal ins Gesicht und in den Oberkörper geschossen, als er in seinem Lieferwagen voller Blumen stand. Enver Simsek war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der viel ar­bei­te­te. Fast täglich stellte er seinen Blumenstand an einem Strassenrand in oder um Nürnberg auf. Als er starb, war er 38 Jahre alt und hinterliess seine Frau, eine Tochter und einen Sohn. Gescheiterte Ermittlungen In ihrem Buch «Schmerzliche Heimat» erzählt Semiya Simsek detailliert vom Leben und Sterben ihres Vaters – und vor allem von dem, was danach geschah. Sie schreibt von all den Jahren, in denen ihre Familie selbst unter Verdacht stand. Immer und immer wieder luden Polizisten sie und ihre Verwandten zum Verhör, gut zehn Jahre lang. Simseks Mutter fassten sie dabei am Härtesten an. Sie schlugen auf den Tisch, schrien sie an, dass die Familie mit dem Mord zu tun habe. Monate später glaubten die Ermittler, Simseks Vater habe zu einem grossen türkischen Drogenring gehört und deshalb sterben müssen. Um der Familie Simsek ein Geständnis zu entlocken, tischten sie ihr verschiedene Lügen auf. Sie erzählten der Mutter, ihr toter Ehemann habe eine Parallelfamilie gehabt, zwei Kinder mit einer blonden Deutschen. Oder sie wüssten, dass Enver Simsek in Drogengeschäfte verwickelt gewesen sei. Die Familie solle nun endlich die Wahrheit sagen. Die Polizisten verbissen sich in die Drogentheorie. Als die Rechtsextremen der NSU weitere Türken erschossen, glaubten sie an Killer der Mafia. Um die Hintergründe aufzudecken, verwanzten sie den Wagen der Simseks, durchsuchten ihre Wohnung, beschlagnahmten Fotoalben. Inzwischen ar­bei­te­ten Hunderte Beamte an der Aufklärung der Morde. Sie gehörten verschiedenen Polizeikorps und Behörden an, waren in Sonder- und Spurgruppen gegliedert. «Jeder wollte den Fall lösen. So kooperierten sie und konkurrierten», schreibt Simsek. Doch aufklären konnte den Fall niemand bis im Herbst 2011, als sich zwei Männer erschossen und sich Beate Zschäpe stellte. Erst dann wurde den Ermittlern klar, dass Enver Simsek getötet wurde, weil er Türke war und nicht Drogenhändler. Semiya Simsek wird es schwerfallen, Beate Zschäpe nächste Woche zu begegnen. Doch ihr Bedürfnis nach Aufklärung überwiege ihre Angst, schreibt sie. Simsek quälen viele Fragen. Sie will wissen, ob die Mörder jemals daran dachten, dass ihre Opfer auch Familien haben. Eine Antwort wird ihr Zschäpe wohl schuldig bleiben. Die Angeklagte ist kurz nach ihrer Verhaftung verstummt und schweigt seither.

«Schmerzliche Heimat»

Deutschland und der Mord an meinem Vater, Semiya Simsek mit Peter Schwarz, Rowohlt-Verlag, 200 Seiten, ISBN: 978-3-87134-480-0.

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