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24 Stunden Vollgas

23 Piloten, drei Mazda-6-Serienlimousinen, eine Mission: 20 Geschwindigkeitsweltrekorde zu brechen. Der «Landbote» sass bei der 24-Stunden-Vollgas-Rekordjagd mit am Steuer.

Automobiljournalisten bekommen zuweilen ungewöhnliche Aufträge. Für mich heisst es Mitte Oktober, mich ins norddeutsche Papenburg zu begeben, um als einer von insgesamt 23 Teilnehmern, bestehend aus Rennfahrern, Journalisten und Hobbypiloten, in einem Mazda 6 den zehn Jahre alten Hochgeschwindigkeitsweltrekord für Serienautos mit Dieselmotor zu brechen. Am Samstagmorgen beginnt alles mit der technischen Einweisung ins Testgelände. Sitzprobe erledigt, Funk funktioniert, Sitz passt, Rennklamotten von der FIA genehmigt. Die erste Fahrt im Serienfahrzeug, einer Mazda-6-Stufenhecklimousine mit Sky­activ-Dieselmotor, ist absolviert. Die Steilkurven des Hochgeschwindigkeitskurses sind zwar gewöhnungsbedürftig, aber dies vor allem aufgrund der Tatsache, dass nur minime Lenkkorrekturen erforderlich sind. Alles lässt sich fast geradeaus mit Vollgas fahren. Um 15.30 Uhr soll es endlich losgehen. Es ist kurz vor 17 Uhr, der Mazda 6 mit der Nummer 3 kommt gleich an die Box zum Nachtanken und Fahrerwechsel. Ich stehe behelmt bereit – unser Startfahrer hat als schnellster der drei Mazda schon einige Rekorde mit fliegendem Start eingesackt: 100 Kilometer im Schnitt von 225,963 km/h, 100 Meilen im Schnitt von 224,835 km/h – alles inoffiziell und unter Vorbehalt. Jetzt bin ich dran. Das Hinausbeschleunigen auf die Strecke erfolgt zügig, kurz vor der ersten Steilkurve bin ich im sechsten Gang, aber noch in der mittleren Spur. Doch bereits gegen Kurvenausgang erreiche ich Spur 1, und dann geht es hinein in die schöne norddeutsche Abendstimmung. Der Rhythmus ist rasch gefunden, das Auto lässt sich am Steilkurveneingang leicht in die Spur drücken, am Ausgang wird der Drang Richtung Leitplanke mit sanfter Lenkbewegung eliminiert. Auf den langen Geraden bleibt Zeit zum Ausspannen. Ich geniesse den Sonnenuntergang, auch wenn die tief stehende Sonne mich einige Runden lang blendet. Vor mir entdecke ich in weiter Ferne einen anderen Mazda auf Rekordjagd – insgesamt sind wir ja zu dritt auf der Strecke. Da Windschattenfahren beim Rekordversuch strengstens untersagt ist, sollte der vor mir fahrende nach rechts in die mittlere Spur wechseln, damit ich an ihm vorbeiziehen kann. Doch Joey Kelly, der VIP im Auto vor mir, hört den Funkspruch zum Platzmachen nicht. So muss ich verlangsamen und den Abstand etwas vergrössern. Ärgerlich. Doch liegt bei allen drei Fahrzeugen der Schnitt bereits deutlich über 220 km/h, womit der Weltrekord für die nächsten Distanzen in Griffnähe ist. Ich selbst hole den Titel für die Distanz über 500 Kilometer, wie ich nach dem Aussteigen erfahre. Mein nächster Einsatz ist erst wieder mitten in der Nacht um etwa 3.00 Uhr, für den ich bereits um 1.30 Uhr bereit sein muss. Bis dahin nehme ich eine Mütze Schlaf im Motorhome. In der Dunkelheit liegt unser Wagen in der Rangliste plötzlich hinter der Nummer 1, und auch der etwas stagnierende Wagen 2 rückt uns näher. Um 3.28 Uhr bin ich wieder dran, topfit und hellwach. In der Nacht zu fahren, ist fast noch besser als bei Tageslicht, weil das Risiko der Ablenkung von der Strecke kleiner ist. In meiner vierten Runde quert eine fette Ratte die Fahrbahn. Das wäre kein schöner Reifenkontakt gewesen bei Tempo 225, aber das Tier duckt sich rechtzeitig unter der Leitplanke weg. Es gelingen mir konstante Zeiten, doch den Abstand zur führenden Nummer 1 können wir nicht verringern. Nach dem Sonnenaufgang sind die nächsten Rekorde gefallen, für die 1000 Meilen, die Sechs- und die Zwölfstundenmarke. Mit der geringeren Luftfeuchtigkeit ist unser Wagen plötzlich wieder klar der schnellste der drei Rekordautos. Ich übernehme den letzten Stint. Die im Team ausgetüftelte Ideallinie macht sich bemerkbar: Ich fahre die Geraden in der zweiten Spur, die Steilkurve schräg nach aussen an, um dann im ersten und letzten Kurvenfünftel kurz über Spur 2 abzukürzen. Die per GPS angezeigten Geschwindigkeiten waren noch nie höher: 232 km/h auf der Gegengerade und beim Ausgang der Nordkurve. Und das trotz immer stärker werdenden Windes. Rund dreissig Minuten vor Schluss setzt im Bereich der Nordkurve Regen ein. Wir haben zwar damit gerechnet, doch ist die Heftigkeit des Schauers über­raschend. Ich verzichte auf den Scheibenwischer und orientiere mich an den Fahrbahnlinien, die ich noch immer gut erkennen kann. Schon bald ist der Spuk vorbei. Und so sehen wir nach 24 Stunden die Zielflagge und dürfen uns freuen. Wir alle, 23 Pilotinnen und Piloten, sind erfolgreiche Rekordjäger und Weltrekordhalter. Die drei Autos sind während 5400 Kilometern unter Volllast störungsfrei gelaufen. Unser Rückstand auf Wagen 1 beträgt im Ziel nur noch die Winzigkeit von 0,461 km/h. Doch selbst wenn wir den internen Wettstreit der drei Teams am Ende nicht ganz haben gewinnen können, bleibt uns die Genugtuung und Befriedigung, dass sieben der insgesamt 20 aufgestellten Weltrekorde auf das Konto unseres Wagens gehen. Und es bleibt die Erinnerung an eine Erfahrung, die ich so schnell nicht wieder machen werde. Unbezahlbar.

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