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500 Königinnen und ein Diener

Max Reutlinger besitzt Hunderte Orchideen. Doch beim Sammeln allein lässt er es nicht bewenden. Sein Ehrgeiz stachelt ihn an, die empfindlichen Gewächse selber zu ziehen.

Auf dem Stubentisch steht eine asiatische «Schmetterlingsorchidee», wie es sie tausendfach zu kaufen gibt. Schlank und hochgeschossen, mit grossen, rosaroten Blüten. Eine schöne und dekorative Blume, findet Therese Reutlinger, und ihr Mann widerspricht nicht. Aber, spöttelt er, es sei bloss eine «Hausfrauenorchidee». Max Reutlinger aus Nürensdorf sammelt leidenschaftlich gerne Orchideen – doch nicht jene, die in Holland oder Thailand industriell gezogen werden. Er schwärmt für seltenen Königinnen unter den Blumen; etwa die Laelia tenebrosa mit ihren violetten, kupferrot geränderten Blüten. Als er sie in seinem Treibhaus präsentiert, fragt er begeistert: «Ist das nicht grossartig? Die Blüte ist doch genial!» Das Treibhaus in seinem üppigen Naturgarten ist kaum 16 Quadratmeter gross. Doch darin wachsen, blühen, welken an die 500 Orchideen. Die Exoten stammen aus Asien, Afrika und Südamerika, und Reutlinger weiss über jeden eine Besonderheit zu erzählen. Die Stanhopea tigrina treibt ihre Blüten unten aus einem hängenden Korb heraus. Die winzige Lepanthes calodictyon stinkt nach Gammelfleisch, um Ameisen anzulocken, die ihre Samen verbreiten. Und die Dendrobium lichenastrum speichert wie ein Kaktus Wasser in ihren Blättern, um die Trockenzeit zu überleben. Solche Eigenschaften und Strategien seien es, die ihn so faszinierten, sagt der ehemalige Ausbildungsleiter. «Die Vielfalt und der Reichtum sind einfach enorm.» Spezielles Licht Reutlinger scheut keinen Aufwand, damit die Orchideen optimal gedeihen können. Das Treibhaus wird auch im Winter auf mindestens 17 Grad geheizt. Die Röhrenlampen spenden spezielles Licht mit einem hohen Anteil Rot und Blau. Morgens und abends spritzt Reutlinger seine Blumen ab und verwendet dazu Regenwasser, das er unter dem Hausdach sammelt. Grund: Viele Orchideen aus Übersee vertragen den Kalk im Schweizer Wasser nicht. «Der Ehrgeiz besteht darin, die Pflanze selber zu ziehen und zum Blühen zu bringen», sagt Reutlinger. Die Zöglinge kauft er vor allem bei Gärtnereien oder an Ausstellungen. Die direkte Einfuhr aus dem Ausland liegt ihm nicht. Der Papierkram sei ihm zu aufwendig, sagt er. Er bräuchte sogenannte Cites-Papiere, welche die Herkunft dokumentieren und bescheinigen, dass die Pflanze nicht von Schädlingen befallen ist. Auf ein solches Prozedere am Zoll verspürt er keine Lust. Viel lieber widmet er sich der Tätigkeit, die ihn als Orchideenliebhaber besonders reizt: der Zucht. Reutlinger will nicht nur Blumen gross ziehen, sondern der Natur etwas nachhelfen. Im Prinzip geht es bloss darum, staubfeine Samen auf eine Nährlösung zu bringen. Doch die Pflanzen sind extrem anfällig für Pilze; das macht die Sache aufwendig. Dar­um schaffte sich Reutlinger eine Sterilbank an, wie sie in Labors verwendet werden. Er arbeitet mit desinfizierten Händen, Gummihandschuhen und einer Platinöse, die er in einer Gasflamme sterilisiert hat. «Erst dann kann es losgehen.» Wie kleine Lampions Vor Kurzem säte er die afrikanischen Aeranthes ramosa aus. Es wird Jahre dauern, bis sie wie das Exemplar im Treibhaus blüht: mit Blüten wie kleinen Lampions, die an dünnen Fäden baumeln. Doch Orchideensammler denken ohnehin in grösseren Zeiträumen. Das Dendrobium mit den «Kakteenblättern» kaufte Reutlinger anno 1988. Und erst letztes Jahr entsorgte er eine der ersten Pflanzen, mit denen in den Siebzigerjahren alles begann. Es war eine «Hausfrauenorchidee»: eine Phalaenopsis, die damals neu gezüchtet werden konnte. Sie waren entsprechend teuer, kosteten fünf Franken pro Blüte. Er zog sie auf dem Fenstersims im Wohnzimmer. «Es wurden immer mehr, und dann sagte ich: Entweder hörst du auf oder machst es richtig.» Er entschied sich für das Zweite, ackerte Fachbücher durch und verfeinerte die Pflege. Auf Reisen begann er, Orchideen zu suchen, zu bestimmen und zu fotografieren – oder einfach «zu orchideelen», wie er es nennt. Dies führte ihn unter anderem auf die Insel La Réunion und zum Mount Kinabalu auf Borneo, wo Orchideenfans aus aller Welt hinpilgern. Doch auch die Orchideen, die vor der Haustür wachsen, haben es ihm angetan. So arbeitet er an einem eidgenössischen Inventar der Arbeitsgruppe Einheimische Orchideen (Ageo) mit (siehe Kasten). Als Kassier der Zürcher Sektion der Schweizer Orchideengesellschaft ist er zudem Mitorganisator einer grossen Schau, die im Frühling 2013 in den Winterthurer Eulachhallen stattfindet. Geplant sind Ausstellungen, Verkauf von Orchideen und Vorträge mit hochkarätigen Rednern. Die Vorbereitungen kosteten mehr Zeit als erwartet, sagt er. Aber für die Orchideen opfert er sie gern.

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