Auf Mission gegen Kindsmissbrauch

Über Jahre engte Christina Krüsi ihre traumatische Vergangenheit stark ein. Heute hat die Winterthurerin die Kraft gefunden, öffentlich über sexuelle Übergriffe zu sprechen. Das bringt auch andernorts Verdrängtes an die Oberfläche.

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Ihr eindrücklicher Erlebnisbericht ist im Juli herausgekommen. Was hat das Buch ausgelöst?
Christina Krüsi: Enorm viel. Es ist auf ein riesiges Medienecho gestossen. Ich werde für Vorträge und Talkshows über psychische Widerstandskräfte eingeladen und erhalte täglich Mails von Leuten, die sich bei mir bedanken, dass ich den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt habe. Die Publikation hat weitere Zungen in christlichen Kreisen gelöst.  Dass die Missbräuche in einem Umfeld mit strengen moralischen Regeln erfolgten, wirkt zusätzlich befremdend. Sind Glaubensgemeinschaften besonders anfällig für solche Vorkommnisse?
Problematisch ist, dass sie versuchen, Übergriffe intern zu regeln. Die Täter sollen sich entschuldigen, die Opfer vergeben und dann sollen beide wieder gemeinsam Gottesdienste feiern. So denken meine Eltern auch heute noch. In der Pfingstgemeinde, wo ich nach der Rückkehr in die Schweiz verkehrte, sind nach Veröffentlichung meines Buches einige sexuelle Missbräuche ans Licht gekommen. Viele Gemeindemitglieder wussten davon. Doch erst jetzt erfolgen Anzeigen.  Sie sind soeben aus Bolivien zurückgekommen, wo Sie Szenen für einen Film gedreht haben. Wie war die Reise für Sie? 
Es war das erste Mal seit 30 Jahren, dass ich an die Orte meiner Kindheit zurückgekehrt bin. Ich hatte richtig Panik, doch das Filmteam des Schweizer Fernsehens hat mich sehr unterstützt. Schliesslich sagte ich mir «Das lasse ich mir von den Tätern nicht auch noch nehmen» und fasste Mut. Ich war ja in Begleitung meines Mannes und der Filmleute. Es war wunderbar, wieder in dieses Paradies zurückzukehren – denn diese Seite der Erinnerungen gibt es durchaus auch. Und ich konnte weitere Recherchen betreiben. Was ich im Buch beschrieben habe, hat sich bestätigt.  Wie kann man nach so langen Jahren Wirklichkeit, Träume, Erzählungen und andere Einflüsse überhaupt noch auseinanderhalten?
Ich habe ein ausgesprochen visuelles Gedächtnis. Ab zehn Jahren führte ich Tagebuch. Zudem haben mir andere Betroffene vieles bestätigt. Ins Buch gelangten nur diejenigen Erlebnisse, bei denen ich mir absolut sicher war. Meine ursprünglichen Aufzeichnungen habe ich von 900 auf 300 Seiten gekürzt. Dies zum Teil auch meinen Eltern zuliebe.  Wie haben sie auf das Buch reagiert?
Obwohl sie es vor der Veröffentlichung lesen und Wünsche einbringen konnten, können sie nicht dahinterstehen. Das schmerzt mich. Für meine Eltern wurde eben auch eine Welt zerstört, als sie die bittere Wahrheit erfuhren.  Am Ende des Buches beschreiben Sie sich als «eine Frau, die tiefen Frieden in sich hat und der die Erzählungen aus der Vergangenheit nichts mehr anhaben können». Das wirkt etwas wie ein Märchen-Happy-End. Wie ist das möglich ohne eine Therapie?
Ich war zweimal bei einem Therapeuten, doch beide hielten meine Geschichte nicht aus. Glücklicherweise hatte ich eine sehr gute Freundin, die mir stunden- und nächtelang zuhörte. Und ich malte viel. Für mich war es wichtig, dass alles endlich aus mir herauskam. Zwar machte ich auch vorher für mein Umfeld den Eindruck einer normalen, starken Frau. Aber ich erlebte immer wieder Flashbacks. Ich reagierte zum Beispiel mit starken körperlichen Sym­pto­men, wenn ich einem Mann mit schwarzem Bart begegnete, der einem der Täter glich. Heute blicke ich ganz anders in die Welt.  Die Missionsgesellschaft Wycliffe hat die Ereignisse aufgearbeitet und setzt heute ein Kinderschutzkonzept um. Sind Sie zufrieden damit?
Die Verantwortlichen versuchten zwar, auf ihre christliche Art zu helfen, doch Therapien ausserhalb ihres Glaubens unterstützten sie nicht. Wir erhielten nur sehr kleine Summen an Wiedergutmachung. Ich persönlich brauche das Geld nicht mehr, aber viele andere Opfer leben von der Sozialhilfe. Das ist nicht in Ordnung. Hinter der Präventionsarbeit von Wycliffe stehe ich, aber sie reicht nicht aus.  Zurzeit sind Sie vollamtlich mit Ihrer Vergangenheit beschäftigt. Wieso lassen Sie diese so viel Raum einnehmen?
Als ich mich für die Veröffentlichung des Buches entschied, kündigte ich meine Stelle als Schulleiterin. Beides wäre weder vom Arbeitspensum noch von der emotionalen Belastung her möglich gewesen. Von den anderen 16 Personen, die als Kinder in der gleichen Organisation missbraucht wurden, ist heute niemand in der Lage, zu sprechen. Alle sind schwer psychisch geschädigt. Deshalb muss ich es tun. Ich habe nur ein Ziel: dass solche Dinge nicht mehr passieren.

Lesung in Winterthur: Christina Krüsi liest am 12. November, 19 Uhr, in der Buchhandlung Orell Füssli. Anmeldung empfohlen. 

Erstellt: 29.10.2013, 00:00 Uhr

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