Winterthur

Die Handschrift eines Architekten

Das aktuelle Original des Monats ist Teil eines Bilderschatzes, der sechs grosse Schachteln der Sammlung Winterthur füllt: Fotografien und Dokumente, in denen das Werk des Architekten Robert Rittmeyer lebendig wird.

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«Solche Häuser sind Wohnstätten, die für die Dauer von Generationen ihren Wert behalten.» Das hat vor über hundert Jahren ein Fachmann in Sachen Wohnen geschrieben und traf es damit genau. «Solche Häuser» bezog sich im Text von Hugo Lang-Danoli auf Georg Reinharts Villa am Tössertobel und den Landsitz «Fluh» am Greifensee, den Vater Theodor Reinhart fast zur selben Zeit erbauen liess wie der älteste Sohn sein grossartiges Garten- und Wohnensemble.

Beide Häuser stehen noch, beide werden noch immer von Nachkommen be­ziehungsweise Anverwandten der Familie Reinhart bewohnt. Beide Bauten wurden von dem Mann verwirklicht, der beim Original des Monats den Ton angibt: Robert Rittmeyer (1868–1960).

Winterthur sähe anders aus

Sein Fotonachlass, 1986 dank «Frau Rittmeyer», vermutlich eine der beiden Architekten­töchter, in die Sammlung Winterthur gelangt, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Wer sich nur ein wenig für Winterthur oder Schweizer Architektur interessiert, wird da vielfach fündig. Und kann sich darin verlieren, geht einem dabei doch eine ganze Welt auf.

Dass die meisten Fotografien, die die Bauten dokumentieren, aus Hermann Lincks Atelier stammen, macht die Beschäftigung mit ihnen umso attraktiver.

Ohne Robert Rittmeyer – fairerweise müsste auch Walter Furrer (1870–1949) genannt werden, mit dem Rittmeyer von 1905 bis 1933 die Architektengemeinschaft Rittmeyer & Furrer bildete, doch sein Nachlass steht hier nicht zur Debatte –, ohne Robert Rittmeyer sähe Winterthur anders aus.

Viel Grosses würde fehlen, aber auch viel Kleines, und dies, obwohl längst nicht alles, was erhaltenswert gewesen wäre, erhalten geblieben ist.

Wie etwa die monumentale Villa von Ernst Müller-Renner, Theodor Reinharts Generalprokurator in der Firma Volkart: Man würde im 1908 bezogenen markanten, hohen Haus mit der grossen Gartenanlage eher den Sitz einer wichtigen Institution als ein Wohnhaus vermuten. 1961 wurde es abgerissen und an seiner Stelle Krankenpflegeschule und Schwesternhaus erbaut.

Anderes von Rittmeyers Schaffen blieb ganz erhalten, strahlend das eine, bescheiden geworden das andere, oder wurde, bald mehr, bald weniger, neueren Zeiten angepasst: das Museums- und (einstige) Bibliotheksgebäude, gross in seiner klaren Schönheit und stattlichen Einheit, zu der auch ein von einem Stern gekrönter Kandelaber auf dem Vorplatz ­gehörte, wie so vieles von Linck ausserordentlich schön und sprechend fotografiert; das bau- und sozialgeschichtlich bedeutsame Freibad Geiselweid; das charmante Gartenhaus im Rosengarten, das fast gleich aussieht wie im Entstehungsjahr 1910; Garten und Räume der Villa Flora, auch sie Musterbeispiele für Rittmeyers umfassendes Raumkonzept- und Gestaltungsdenken; das anstelle des alten «Hauses zum Zeit» erbaute zentrale Geschäftshaus Wiegner, Ecke Kasinostrasse/Marktgasse, bei dem Rittmeyer & Furrer, die es grösser wollten, den urban genutzten Vorplatz stehen lassen mussten: noch immer ein Kleidergeschäft, klassizistisch ruhig, modern.

Rothaus, Rosenberg, Talgarten

Auch das Rothaus an der Marktgasse (heute Möbel Pfister) zählt zu den beachtenswerten, zum Gesicht der Stadt gehörenden Bauten, nicht weniger das beeindruckende Rundgebäude am St.-Georgen-Platz, einst Hauptsitz der Firma Volkart, heute ZHAW, oder der seiner vielen grundsätzlichen Überlegungen wegen beispielhafte Friedhof Rosenberg und die «Lichtspiele ‹Talgarten›», die in der von Rittmeyer aufbewahrten Sonderausgabe des «Neuen Winterthurer Tagblatts» vom Dezember 1926 gelobt werden als das «erste modern und speziell für seine Zwecke erstellte Kinogebäude in Winterthur».

Dies sind nur wenige, aus vielen Hundert herausgegriffene Beispiele, die deutlich machen: Wer mit aufmerksamen Augen durch die Stadt geht, dem rittmeyert es noch heute entgegen. Neben dem eine Generation älteren Ernst Jung war es gerade die Handschrift dieses einen Architektenbüros, welches die Stadt prägte.

Es waren bei weitem nicht nur Häuser für besonders gut Betuchte, die im Laufe eines langen Architektenlebens entstanden. Auch eine Vielzahl von Einzel-, Doppel- und Reihenhäusern für den Mittelstand gehört dazu, die meisten irgendwo zwischen gemässigtem Spätjugendstil und schnörkellosem Heimatstil angesiedelt, darunter auch die «Bauten der Gartenstadt-Genossenschaft Winterthur» am Brühlberg.

Dass Rittmeyer in der einstigen Arbeiterstadt ebenso funktionelle wie ästhetisch überzeugende Häuser für Arbeiter baute, versteht sich fast von selbst. Auch da ist manches zu entdecken, etwa das schöne Kosthaus und das «Dreifache Einfamilienhaus», beides vor hundert Jahren für die Arbeiterschaft der Bühler-Spinnereien in Sennhof errichtet.

Was das Blättern in den Mappen mit dem Fotonachlass Rittmeyer zusätzlich attraktiv macht, sind die Unterlagen zu Bauten ausserhalb von Winterthur. So entwarf Rittmeyer für seinen Freund ­Richard Bühler ein Ferienhaus in Sils-Baselgia (1916/17) – der berühmte Albert Steiner hat es fotografiert. Es nimmt wie Rittmeyers sehr modern konzipierte Psychiatrische Klinik Herisau Elemente der Baukunst vor Ort auf.

Das seltsame Denkmal

Mochte Rittmeyers beste Zeit in den Zwanzigerjahren vorbei sein und der ältere Architekt, nun eher einem sachlicheren, neoklassizistischen Stil zugewandt, nicht mehr so oft als Sieger aus einem Architekturwettbewerb hervorgehen – sein Zürcher «Warenhaus ‹Globus› als Brückengebäude» von 1945 blieb wie anderes Entwurf –: Die Auseinandersetzung mit Fotografien und Doku­menten aus allen Jahren ist faszinierend und voller Über­raschungen.

Eine von vielen: das seltsame Denkmal über dem Ägerisee, das an die Schlacht bei Morgarten erinnert und nach langem Hin und Her 1908 eingeweiht wurde – im selben Jahr wie, auch das ein Robert-Rittmeyer-Bau, die reformierte Kirche Brütten mit ihrem Morgarten-trutzigen Turm.

Original des Monats, bis Ende Oktober: Fotonachlass Robert Rittmeyer; jeweils ab 13.30 Uhr bis zur Schliessung im 4. Obergeschoss der Stadtbibliothek am roten Tisch einsehbar.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.10.2017, 18:02 Uhr

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