Er hypnotisiert, wie er Autorennen fuhr

In Amerika lernte er den Pragmatismus, Brasilien gab ihm die Ener­gie­. Das alles macht Hansruedi Wipf zu einem guten Hypnotiseur. Und auch Menschenkenntnis gehört dazu.

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Als Kind hatte er nachts regelmässig das Bett genässt. Also schleppte die Mutter den kleinen Hansruedi in Wil SG zum Hypnotiseur. Die Begeisterung für diese Therapieform kam aber erst später, als Hansruedi Wipf als Student in den USA bei einer Hypnose-Show sah, wie seine Kollegen im Vorlesungssaal reihenweise in Trance fielen. Er besorgte sich Literatur dazu. Sie überzeugte ihn nicht («zu kompliziert»). Er übte an Kollegen, meist ohne Erfolg. Bis es an einem Abend in der RS bei einem Rekruten klappte. «Er war komplett weg und ich total fasziniert», sagt der 49-Jährige und schnippt mit dem Finger.  Heute leitet der gebürtige Winterthurer in Effretikon seit vier Jahren ein Hypnosecenter mit acht Therapeuten. Er therapiert selber, hält Ausbildungsseminare, gibt ein eigenes Hypnosemagazin heraus und organisiert in Zürich zum zweiten Mal einen internationalen Kongress. Vor wenigen Wochen erschien sein erstes Buch. Darin verspricht und zeigt er: «Hypnose kann jeder lernen, einfach und in einer Woche.»  Wipf wirkt wie der kumpelhafte Unternehmertyp: imposante Postur, Hemd und Jackett, kräftiger Händedruck. Seine Biografie liest sich wie die eines smarten Tausendsassas. Nach dem Studium kehrte der Politikwissenschaftler von Atlanta zu seinen Eltern nach São Paulo zurück. Dort heuerte ihn Mercedes-Benz als Einkäufer in Deutschland an. Er machte Karriere, gelangte über die USA und die Türkei zurück nach Brasilien. Er gründete ein Tourenwagen-Team und fuhr Rennen in der brasilianischen Stock-Car-Serie. Zurück in der Schweiz liess er sich 2006 in den USA in wenigen Wochen zum Hypnosetherapeuten, später zum Ausbildner ausbilden. Vier Jahre später setzte er nach einem Karriereknick ganz auf diese Karte. Erst als Show-Hypnotiseur «Hypnoticus», inzwischen ausschliesslich als Therapeut.  Wipf verspricht viel. Er sagt Sätze wie «Ich therapiere, wie ich Rennen gefahren bin, schnell und direkt» oder «Alles ist möglich, in einer Sitzung». Herkunft und Beruf hätten ihm das Rüstzeug geliefert, um ein guter Hypnotiseur zu werden: die USA den Pragmatismus, Brasilien die Ener­gie­, sein Posten als Chefeinkäufer die Menschenkenntnis. Die Ausbildung dauert nicht Jahre, sondern eine Woche: «Hypnose ist einfache Technik, keine Wissenschaft.» Gerade darin liege ihre Stärke. Um eine Allergie, eine Phobie, eine Sucht oder eine Depression zu «eliminieren», genüge oft eine Sitzung.  Verkürzt gesagt, ergründet Wipf in der Hypnose die Wurzel des Übels, den «Initial Sensitizing Event», und korrigiert diese Störung im Unterbewusstsein. Seinem ersten Patienten wurde es von Meeresfrüchten übel. Offenbar ein kolossales Missverständnis. Schlecht war ihm als Kind geworden, als er seine erste Pizza Marinara ass und ihn sein Grossvater nebenan mit einem Stumpen einnebelte. Bis heute hat Wipf Hunderte von Patienten behandelt. Er wagt sich auf heikles Terrain. Selbst Krebs oder multiple Sklerose könne man mit Hypnose – unterstützend zur Chemotherapie – behandeln und dadurch die Chancen auf Genesung erhöhen. «Man stärkt das Immunsystem, indem man Ängste beseitigt und den Willen festigt, gesund zu werden.» Unbestritten ist, dass wissenschaftliche Experimente gezeigt haben, dass unter Hypnose gewisse Hirnareale anders aktiviert werden. Mit dem Effekt, dass zum Beispiel die Schmerzempfindlichkeit abnimmt. Viele Ärzte und Psychotherapeuten arbeiten inzwischen mit diesem Ansatz. Im Gegensatz zur Komplementärmedizin ist sie aber noch nicht kassenpflichtig. Bei Wipf kostet die Erstsitzung 550 Franken, Folgesitzungen 175 Franken pro Stunde.­  Mentale Blockaden löst Wipf bei den Handballern von Pfadi Winterthur. Trainer Adrian Brüngger liess den ehemaligen Pfadi-Spieler nach der höchsten Heimniederlage der Geschichte (24:38 gegen Kriens-Luzern) erstmals gewähren. Die Formkurve stieg wieder an: Pfadi spielte die beste Rückrunde und holte sich den Cup. Der «Landbote» schrieb von «Pfadi Wipferthur» und Trainer Brüngger therapiert heute selber im Hypnosecenter. War­um Pfadi letzte Saison in den entscheidenden Spielen gegen die Kadetten Schaffhausen versagte? «Letztlich war der Klassenunterschied zu gross», sagt Wipf. Trotzdem macht Hypnose heute Erstaunliches möglich: schmerzfreies Gebären und Zähneziehen zum Beispiel, das ist unbestritten.

Vortrag und Buchpräsentation «Hypnose – Gesundheit und Heilung auf natürlichem Weg», 19. November, 19.30 Uhr, Buchhandlung Vogel Thalia, Marktgasse 41. 

Erstellt: 17.11.2014, 00:00 Uhr

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