Jeder fünfte alte Mensch erfährt Gewalt

Wenn Angehörige ihre alten Eltern zu Hause betreuen, geht das in den meisten Fällen gut, aber nicht immer: Jeder fünfte alte Mensch wird von Angehörigen misshandelt, sagt die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter. Meist ist Überforderung im Spiel.

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Fallbeispiel 1: In einem kleinen Vorort betreut eine erfolgreiche Physiotherapeutin mit eigener Praxis ihre 90-jährige Mutter. Sie betrachtet sich als Altersexpertin, misshandelt aber die alte Frau. So schmeisst sie deren Medikamente gegen die schmerzhaft geschwollene Hand einfach weg und verhindert den Arztbesuch. Einmal lässt sie die zu Boden gestürzte alte Frau länger auf allen vieren herumkriechen, statt ihr aufzuhelfen. Sie nimmt auch die ganze Rente der Mutter (monatlich 6000 Franken) an sich und lässt ihr kein Geld für die geliebte Schokolade. Dem Bruder der Physiotherapeutin gelingt es einmal, die alte Mutter ins Ferienhaus nach Spanien zu nehmen, wo die um 40 Kilo abgemagerte Frau nach einer ärztlichen Behandlung aufblüht. Nach der Rückkehr geht das brutale Regime zu Hause weiter.  All dies beobachten Verwandte und alarmieren die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA) in Zürich. Die «böse» Tochter lässt sich aber von niemandem dreinreden, weshalb Enkelinnen bei der Vormundschaftsbehörde des Dorfes Anzeige erstatten. Weil dort die Physiotherapeutin hoch angesehen ist, folgt aber eine nur oberflächliche Abklärung. Verwandte werden nicht einmal angehört. Die Tochter erteilt ihnen Hausverbot.  In 50 Prozent erfolgreich  Dass die Beschwerdestelle in diesem Fall machtlos blieb, ist die Ausnahme, wie Albert Wettstein, ehemaliger Zürcher Stadtarzt und Präsident der UBA-Fachkommission, gestern vor den Medien ausführte. In knapp 5 Prozent der Fälle könne die UBA nichts ausrichten, in 11 Prozent verlaufe die Intervention nicht ganz zufriedenstellend. Aber in knapp 50 Prozent der Fälle stelle sich ein Erfolg ein. Wer bei der Beschwerdestelle anruft oder vorbeikommt, wird einer Fachperson zugeteilt. Die UBA kann auf ein grosses Netz von ehrenamtlich arbeitenden Experten zurückgreifen. Laut Wettstein handelt es sich meist um pensionierte Juristen, Ärzte, Versicherungsleute oder Richter.  Wie viele alte Leute zwischen 65 und 85 von jemandem aus der nächsten Umgebung misshandelt werden, lässt sich laut Wettstein mangels Erhebungen in der Schweiz nicht beziffern. Aufgrund von Zahlen aus dem Ausland schätzt er, dass jede fünfte ältere Person Opfer einer solchen Misshandlung wird. Dabei ist unter Misshandlung nicht nur physische und psychische Gewalt zu verstehen, sondern auch Gewalt in subtileren Formen und Vernachlässigung.  Fallbeispiel 2: In einem Wohnblock lebt eine demente 87-jährige Frau, die sehr fordernd ge­gen­über ihrer Tochter auftritt, die im selben Haus wohnt. Tag und Nacht ruft die alte Frau an oder klopft an die Türe der Tochter. Hilfe von Fremden lehnt sie strikte ab, aber auch von der Tochter lässt sie sich nicht pflegen. Davon zeugen die sechs Zentimeter langen Zehennägel und die schmutzige, stinkende Wohnung. Der vor Kurzem verwitweten Tochter geht es selber schlecht. Sie ist durch die kranke Mutter extrem belastet und verwahrlost zunehmend.  Via Nachbarn erhält die UBA Kenntnis von diesem Fall und schaltet sich ein. Nach vielen Gesprächen akzeptiert die Tochter eine Demenzberatung und den Einsatz der Spitex, sodass sie wieder eine Erwerbstätigkeit aufnehmen kann. Fazit: Die Mutter kann nach einem kurzen Spitalaufenthalt wieder nach Hause. Die Tochter ist durch die Entlastung in der Lage, die Mutter weiter zu Hause zu pflegen.  Sich Grenzen setzen  Wie die ehemalige Zürcher Sozialamtsvorsteherin Monika Stocker, Präsidentin der UBA, ausführte, werden pflegende Angehörige meist deshalb gewalttätig, weil sie überfordert sind. Es sei wichtig, dass die Betreuungspersonen nicht allein gelassen würden. Angehörige selber zu Hause zu betreuen, sei auch bei bester Absicht eine grosse Herausforderung. «Es ist normal, wenn man an Grenzen stösst», sagte Stocker. Wichtig sei, sich klare zeitliche Grenzen zu setzten, die Finanzen klar zu regeln und vor allem externe Hilfe zu holen, bevor die Si­tua­tion eskaliere.   Fallbeispiel 3: Ein 84-jähriger pensionierter Chauffeur, der in einer Mietwohnung lebt und auf einem Landstück Hühner hält, bekundet zunehmend Mühe, seine Wohnung sauber zu halten. Er ist leicht dement und schwach auf den Beinen, fährt aber mit einem Nachbarn fast täglich zu seinen Hühnern. Weil er partout nicht ins Heim will (er droht mit Suizid), ist er auf ein Spitex-Helfernetz angewiesen. Man mag den alten Kauz in der Nachbarschaft. Das Frühstück isst er im nahen Restaurant, wo ihn die Serviererin mit «mis Schätzeli» anspricht. Vom benachbarten Laden erhält er gratis abgelaufene, aber noch essbare Lebensmittel. Irgendwann stellt sich heraus, dass er nachts wegen Atemnot nie ins Bett geht, sondern immer auf einem unbequemen Holzstuhl vor dem offenen Fenster übernachtet. Der fehlende Schlaf schwächt sein Hirn und sein angeschlagenes Herz.  Die UBA, die den alten Mann von einem pensionierten Arzt beobachten lässt, beschafft ihm einen bequemen Sessel, in dem er besser schlafen kann. Das Sozialamt weigerte sich lange, die 3500 Franken zu übernehmen, tat es nach langem Hin und Her dann aber doch. Dank besserem Schlaf erholte sich der Mann sichtlich und lebte zufrieden noch einige Monate, bis er plötzlich an einer Herzschwäche starb. 

Erstellt: 13.06.2013, 00:00 Uhr

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