Winterthur

«Mädchen, fordert euren Platz auf der Bühne ein!»

Musikerinnen sind in der Rockmusikwelt Ausnahmen. Ein Netzwerk will dies ändern und organisiert Bandworkshops für junge Frauen. Mit dabei ist die Band Burnais aus Winterthur.

Geige, Bass und Schlagzeug in Frauenhand: Der «Female Bandworkshop» hinterfragt Rollenmuster.

Geige, Bass und Schlagzeug in Frauenhand: Der «Female Bandworkshop» hinterfragt Rollenmuster. Bild: Patrick Gutenberg

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Lea klickt mit den Schlagzeugstöcken, das Klavier setzt ein, dann der Gesang und der Song nimmt Form an. Bis Pianistin Judith unterbricht: «Hier stimmt es noch nicht, spielen wir diese Stelle noch einmal.» Die vier jungen Frauen der Band Burnais sind hochkonzentriert. Es ist die letzte Probe vor dem Konzert am Samstag. Zudem wollen sie an diesem Abend einen Song für einen Radiosender aufnehmen. Die schwierige Passage wird also wiederholt, mehrere Male. Die Band wirken routiniert und eingespielt. Dass es sie erst seit letztem Oktober gibt, merkt man an diesem Montagabend im Prova-Übungsraum nicht.

Möglichkeit eigenes Netzwerk aufzubauen

Die Band Burnais ist im Rahmen des Projekts «Female Bandworkshops» entstanden. Jährlich können sich Musikerinnen zwischen 15 und 25 Jahren anmelden und so Banderfahrung sammeln und das Musikbusiness kennenlernen. Die Workshops sind ein Projekt von Helvetiarockt, der Koordinationsstelle für Musikerinnen in Jazz, Pop & Rock.

«Wir wollen den Mädchen einen umfassenden Eindruck von der Lebensrealität als Musikerin bieten», sagt Projektleiterin Esther Roth. Dazu gehört das gemeinsame Üben und Songs schreiben, aber auch praktische Dinge, wie die Organisation der Hin- und Rückfahrt zu den Konzerten. «Die Musikerinnen merken, dass sie sich bewegen müssen und Einsatz zeigen müssen, wenn sie Musik machen wollen.» Gleichzeitig haben die jungen Frauen die Möglichkeit ein eigenes Netzwerk aus Musikerinnen, Technikern, Musikclubs und Studios aufzubauen. «Wir wollen auf keinen Fall den Eindruck vermitteln, dass das Musikerinnenleben einfach ist», betont Roth. «Aber wir zeigen, dass es möglich ist.»

«Noch ein Hobby»

Zu den Workshops melden sich die jungen Frauen als Einzelpersonen an. Es sind Schülerinnen, Lehrlinge, Studenten, die vielleicht schon mit dem Gedanken gespielt haben, einen Band zu gründen, die aber nicht sicher waren, wie sie vorgehen sollen. So war es auch bei Burnais. «Ich hätte mich nie getraut in einer Band zu spielen», sagt Sängerin Nadja. Via Facebook ist sie auf den Workshop aufmerksam geworden. Judith, Lea und Shinta wurden von ihren Musiklehrerinnen auf das Projekt hingewiesen. «Ich wollte zuerst eigentlich gar nicht», sagt Lea rückblichend und lacht. «Noch ein Hobby, noch mehr Zeit, die ich neben der Schule freihalten muss.» Sie liess sich aber zu einer Probe überreden und blieb.

Der Workshop in Winterthur ist an der Musikschule Prova angegliedert und wird von der Musiklehrerin Erika Lafosse und der Theaterfrau Sabina Deutsch geleitet. «Die vier Mädchen sind aber unglaublich selbstständig», lobt Lafosse. Sie gebe Inputs und Tipps, habe aber noch nie wirklich eingreifen müssen.

Mädchen spielen Geige

«Ich versuche die Mädchen aber zu ermuntern, dass sie nicht bloss den Jungs nacheifern sollen», sagt sie. «Das heisst, dass sie auch leise Töne und feine Songs spielen sollen, wenn ihnen das gefällt.» Sie findet es gut, dass der Workshop einen Rahmen bietet, wo die jungen Frauen ausprobieren können, was sie sich sonst wohl nicht trauen würden. Denn schweizweit sind Rock- und Jazzbands nach wie vor Männerdomäne, Instrumentalistinnen machen nur einen einstellingen Prozentsatz aus.

Dies hat laut Esther Roth verschiedene Gründe. Ein wichtiger sei die Instrumentenwahl. «Mädchen spielen Geige oder Querflöte. Jungen Schlagzeug oder Trompete», sagt sie. Instrumente seien immer noch sehr stereotyp konnotiert. Das Schlagzeug zum Beispiel, das viel Körpereinsatz erfordert, wird als männliches Instrument gesehen. «Es gibt also schlichtweg kaum Musikerinnen für Rock- und Jazzbands.»

Die Aufnahme ist im Kasten

Dass Jungs eher eine Band gründen als Mädchen habe aber auch entwicklungspsychologische Gründe. «Mädchen sind in den Teenager-Jahren realistischer darin, ihre Kapazitäten abzuschätzen», sagt Roth. Sie würden eher zum Schluss kommen, dass eine Band neben Schule oder Lehre zu viel werden könnte. Gleichzeitig würden sie ihre Fähigkeiten als Musikerinnen eher unterschätzen. «Mädchen überlegen, ob sie wohl gut genug sind, während Jungs schon lange in einem Keller loslärmen.»

Interessanterweise finden Mädchen häufig als Schwestern eines musizierenden Jungen Zugang zu einer Band. «Die Schwester eines Kumpels ist für die anderen Jungs harmlos», erklärt Roth. «Sie haben nicht das Gefühl, sich verstellen zu müssen und können ungeniert Sprüche klopfen im Bandraum.»

Geschlechtergemischte Bands wären eigentlich ideal, sagt Roth. Solange die Mädchen aber derart in der Minderheit sind, befürwortet sie die gezielte Frauenförderung im Rahmen des Workshops. «Wir zeigen den Frauen, dass sie Rollenmuster aufbrechen und ihren Platz auf der Bühne einfordern müssen.» Burnais tun dies. Die schwierige Songstelle sitzt nun, die Aufnahme für das Radio ist im Kasten. Sie sind bereit für den Auftritt. ()

Erstellt: 14.05.2015, 13:12 Uhr

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Veranstaltungshinweis

Konzert mit Burnais, AforE, Kind of Whisper. Samstag, 16. Mai, 20 Uhr. Alte Kaserne, Winterthur.

Winterthurer Musikerinnen



Leylah Fra – Death of a Cheerleader

«Rockmusik hat für mich schon immer dazugehört. Ich bin in einer Musikerfamilie mit Black Sabbath und Led Zeppelin aufgewachsen. Durch diese Musik bin ich auch beeinflusst worden und wollte lernen, Bass zu spielen. Heute spiele ich mit meinem Bruder bei der Rockband Death of a Cheerleader. Wir waren aber beide schon vorher in vielen Projekten tätig und unterstützen uns immer gegenseitig. Ich habe in der Band nie das Gefühl, dass ich als Frau anders behandelt werde. Aber unter Freunden ist das ja normal. Von Technikern oder anderen Bands wurde ich jedoch nicht immer ernst genommen. Das änderte sich aber jeweils schlagartig, nachdem sie uns spielen sahen. Weshalb es so wenige Frauen in Bands gibt, verstehe ich nicht. Klar braucht es Durchhaltewillen. Aber ich ermutige alle, keine Angst zu haben und einfach zu spielen. Schön wäre, wenn es das Thema Frauen in Rockbands gar nicht erst gäbe.» 




Meri Tadic – Irij, Ex-Eluveitie

«Als Frau wird man im Musikbusiness häufig unterschätzt. Ich nehme das aber meistens mit Humor. Wichtig ist, dass man sich nicht in eine Rolle zwängen lässt und versucht, sich selber zu bleiben. Ich habe vor allem jetzt auch bei Irij das Glück, mit wunderbaren, männlichen Mitmusikern spielen zu können, die mich ergänzen und unterstützen. Denn die Rockmusik ist tatsächlich eines der härtesten Geschäfte der Welt. Viel Geduld und eine starke Vision gehören da einfach dazu. Ich bin jetzt dabei, mein drittes eigenständiges Album auf den Markt zu bringen. Dass ich die Musik zum Beruf machte, hat sich einfach so ergeben. Heute arbeite ich nebenbei in der Jugendarbeit an Musikprojekten. Von meinem Publikum spüre ich eigentlich überwiegend Bewunderung, dass hier eine Frau auf der Bühne steht. Klar fallen manchmal doofe Sprüche, aber diesen begegnet man am besten gekonnt weiblich: mit Charme.» 



Sarah Rutschmann – Useless

«Mit Bassspielen habe ich mit 13 Jahren angefangen. Vorher hatte ich schon Klavier gespielt, das wurde mir mit der Zeit aber zu leise: Ich wollte mehr Lärm machen. Ich habe dann drei Jahre Bassunterricht genommen. In einer Band wollte ich zuerst gar nicht spielen. Der Sänger von der Grungeband Useless hat mich aber zu einem Probenbesuch überredet, weil sie dringend einen Bassisten brauchten. Seit drei Jahren spiele ich nun schon bei Useless. Am meisten gefällt mir am Musizieren das gemeinsame Schaffen und Erschaffen. Dass ich die einzige Frau in der Band bin, ist überhaupt kein Problem. Wir fällen alle Entscheide demokratisch, ich habe nie das Gefühl, dass die anderen drei mich nicht ernst nehmen. Manchmal überlege ich mir schon, ob mich unser Publikum einfach nur als herziges Meitli am Bass sieht und nicht als Musikerin. Abgesehen von einer Ausnahme wurde mir das aber noch nie so vermittelt.» 

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