Klimapolitik

«Ohne Subventionen gibt es keinen neuen Wärmeverbund»

Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) und Marco Gabathuler, Direktor von Stadtwerk Winterthur, erklären, wo sie Millionen in Solaranlagen investieren wollen.

Wie erreicht Winterthur die Klimaziele? Stadtwerk-Direktor Marco Gabathuler und Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) wissen es.

Wie erreicht Winterthur die Klimaziele? Stadtwerk-Direktor Marco Gabathuler und Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) wissen es. Bild: Marc Dahinden

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Am 6. April gingen Tausende in Winterthur fürs Klima auf die Strasse. Wo waren Sie, Herr Fritschi?
Stefan Fritschi: Ich war auch in der Stadt, mit der Familie einkaufen. Ich bin selbst nicht der Typ für Demonstrationen. Aber ich fand es eine sympathische Veranstaltung und habe mit Interesse zugehört und die Schilder gelesen. Schliesslich bin ich offenbar auch ein Adressat.

Ja, mit Stadtwerk und Stadtbus haben Sie zwei Schlüsselbetriebe. Aber interessieren Sie sich als FDP-Mitglied überhaupt für Umweltfragen?
Fritschi: Als Stadtrat ist man zuallererst Stadtrat und erst in zweiter Linie Parteimitglied. Von «Schlüsseldepartementen» rede ich nicht gerne. Der ganze Stadtrat muss am gleichen Strick ziehen.

Nehmen Sie diese Demonstranten ernst?
Fritschi: Ich nehme alle Menschen ernst. Es fällt auf, dass mehr Leute sensibilisiert sind gegenüber dem Klima. Ein so heisser, trockener Sommer wie letztes Jahr geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich bin überzeugt, dass der Klimawandel ein Fakt ist, und dass er von uns Menschen verursacht ist. Damit wir ihn die Erderwärmung auf ein erträgliches Mass beschränken können, müssen wir etwas unternehmen.

Was sind die wichtigsten Klimaziele, die Winterthur in den letzten Jahren erreicht hat?
Fritschi: Was bezüglich C02-Reduktion am meisten ausmacht, sind die Förderprogramme für Hausbesitzer, der Ausbau der Fern- und Quartierwärmeverbünde und die Tatsache, dass wir dem Erdgas mehr Biogas beimischen. Allein durch die letzte Massnahme werden jährlich 3000 Tonnen CO2 eingespart.

Ihre Stadtratskollegin Barbara Günthard-Maier (FDP) sagt, die «tief hängenden Früchte», also die leicht zu erreichenden Einsparmöglichkeiten, seien bald ausgeschöpft. Braucht es jetzt schmerzhaften Verzicht?
Fritschi: Ich glaube nicht, dass schon alle realisiert sind. Als wir kürzlich zwei Informationsabende für Hausbesitzer durchführten, war der Saal der alten Kaserne zweimal voll. Es gibt noch viel Potenzial. Manche Hausbesitzer wurden jetzt vielleicht durch die Energie der Jugendlichen wachgerüttelt.

Schon 2012 bewilligte das Stimmvolk 20 Millionen Franken für Photovoltaik-Projekte. Von diesem Kredit hat Stadtwerk erst 6,5 Millionen investiert. Warum geht es so langsam voran?
Marco Gabathuler: Bauprojekte brauchen viel Vorlauf. Und sie müssen sich rechnen. Als Stadtwerk dürfen wir, gemäss politischem Auftrag, nicht in defizitäre Anlagen investieren

Seit einem Jahr baut Stadtwerk auch kleine Anlagen auf Privatdächer. Liegt hier die Zukunft?
Gabathuler: Ja. Wir haben das E-Solardach-Single im ersten Jahr kaum beworben, doch das Interesse war sehr gross. Die Pilotphase ist nun abgeschlossen und wir wollen das Produkt pushen.

Konkurrenziert Stadtwerk damit nicht private Solarfirmen, Herr Fritschi?
Fritschi: Wenn Sie bereit sind, eine Anlage selbst zu bezahlen, sollten Sie das tun, mit einem privaten Unternehmen. Was wir anbieten ist allerdings einzigartig: ein Strom-Nutzungsrecht. Statt einmal 10000 oder 15000 Franken zu zahlen, zahlen Sie zum Beispiel um die 100 Franken pro Monat an Stadtwerk und dürfen dafür Strom vom eigenen Dach beziehen. Stadtwerk finanziert die Anlage und kümmert sich um alle Bewilligungen. Gebaut wird sie dann von privaten Firmen. Wir glauben, das ist für viele attraktiv.

Wie gross ist das Potenzial für Fotovoltaik überhaupt? Sie macht weniger als 2 Prozent des Stadtwerk-Stroms aus.
Gabathuler: Das ist nur der verkaufte Strom. Wie viel die Leute mit eigener Fotovoltaikanlage selbst konsumieren, wissen wir nicht. Fotovoltaik ist sicher die Energieform mit dem grössten Potenzial in der Schweiz. Für Windräder sind wir zu dicht besiedelt und die Wasserkraft ist weitgehend ausgeschöpft. Fotovoltaik ist heute fast so günstig wie herkömmlicher Strom.

Im Gemeinderat fanden Forderungen eine Mehrheit, den Graustrom ganz aus dem Programm zu streichen und bis 2050 aus dem Erdgas auszusteigen. Ist das schaffbar?
Gabathuler: Es gibt genügend Wasserkraft-Strom auf dem Markt. Wenn die Politik es will, werden wir es umsetzen. Beim Gas steht derzeit noch nicht genügend inländisches Biogas bereit, um alles Fossilgas zu ersetzen, doch wir werden dem Parlament gerne ein Szenario ausarbeiten.

Vor anderthalb Jahren stoppte der Stadtrat den Wärmeverbund Aquifer im Neuwiesenquartier. Gibt es ein Nachfolgeprojekt?
Fritschi: Wir prüfen es ernsthaft. Eben gerade weil Wärmeverbunde eine so zentrale Rolle für die Erfüllung der Klimaziele spielen. Wir haben das Projekt damals stoppen müssen, weil wir vom Finanzgesetz her die Auflage haben, das investierte Geld wieder einzuspielen. Das hätten wir im ursprünglichen Projekt nicht geschafft.

Was hat sich seither geändert?
Fritschi: Nichts. Wir haben immer noch keine strengeren Vorschriften beim Heizungsersatz. Öl und Gas sind weiter billig. Und die Strassen im Quartier sind wieder zu. Der Stadtrat prüft nun eine Anschubfinanzierung, um das Projekt anfangs finanziell auf bessere Füsse zu stellen. So wären die Anschlusspreise günstiger. Wir müssen verhindern, dass wir eine Leitung bauen, und die Kunden schliessen nicht an.

Eine Subvention also?
Fritschi: Ja. Es braucht einen klaren Auftrag von Stadtrat, Parlament und Volk. Wir sehen keinen anderen Weg; wenn wir einen Quartierwärmeverbund wollen, bei dem klar ist, dass es aufgrund der Marktsituation nicht aufgeht, geht es zur Zeit nicht ohne Subventionierung.

Wenn Öl und Gas teurer werden, ist das doch gar nicht nötig.
Fritschi: Ich bin absolut dagegen, nach dem Prinzip Hoffnung vorzugehen. Wir hatten zwei Projekte nach dem Prinzip Hoffnung: Biorender und Wärmering Frauenfeld. Ich kann so etwas nicht verantworten. Es ist mir lieber, ein Projekt ist gut finanziert, wenn es startet. Und speist, wenn es gut läuft, irgendwann die Subvention zurück.

Gabathuler: Bei Stadtwerk sind wir nahe beim Kunden. Wir sehen, dass an der Urne nachhaltige Projekte meist eine Mehrheit finden. Aber sobald zuhause eine Offerte auf dem Tisch liegt, fragt man trotzdem nach günstigeren Alternativen. Das ist menschlich.

Und wenn am Wohnort gar kein Fernwärmenetz vorhanden ist?
Gabathuler: Wir haben zu jedem Produkt eine ökologische Alternative, auch 100 Prozent Biogas. Es ist auch nicht wahnsinnig viel teurer. Ich begrüsse, dass durch die Jugendbewegungen ein sozialer Druck aufgebaut wird. Diese Schüler haben recht. Es ist ihre Zukunft. Es ist aber nicht primär eine Sache der Politik oder von Stadtwerk sondern von jedem Einzelnen. Er muss nur den Hörer in die Hand nehmen und die Produkte bei uns bestellen.

Fritschi: Ich bin mit vielen der Forderungen einverstanden, insbesondere finde ich, anders als manche Parteikollegen, dass die Mobilität viel zu günstig ist, ob Billigflüge oder das Pendeln mit dem Auto. Man kann aber nicht alles an die «Politiker» delegieren. In diesem Land dürfen sich fast alle als Politiker fühlen, auch die Stimmbürger reden ja mit. Und sogar die Jugendlichen können Petitionen einreichen, Demos organisieren oder daheim im Haushalt Druck machen, etwas zu ändern. (Landbote)

Erstellt: 19.04.2019, 22:21 Uhr

Erneuerbare Energien

So viel Geld ist noch von den Rahmenkrediten übrig

2012 bewilligte das Volk einen Rahmenkredit von 90 Millionen Franken für erneuerbare Energien. Davon wurden 65 Millionen in die Beteiligungsgesellschaften Swisspower Renewables AG (35 Millionen) und Aventron AG (30 Millionen) investiert. Für 5 Millionen sucht Stadtwerk noch eine Beteiligung, möglichst in Wasserkraft. 20 Millionen waren für lokale Fotovoltaikprojekte reserviert. Davon wurden bisher für gut 6,5 Millionen Franken 21 grössere Anlagen realisiert (installierte Leistung 3000 kWp) und 10 kleine («E-Solardach Single»). Vom 2015 bewilligten Rahmenkredit über 70 Millionen für Energie-Contracting waren Ende 2018 noch 65 Millionen Franken übrig, verschiedene Projekte sind laut Stadtwerk in Arbeit. (mig)

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