Vom Hippie zum Ehrendoktor – das turbulente Leben eines Pioniers

Köbi Siber, Gründer des Sauriermuseums, ist eine von 60 Persönlichkeiten, die es in die neue Publikation «Zürcher Pioniergeist» geschafft haben. Kürzlich ist zudem eine Biografie über ihn erschienen. Von Ruhestand will der 72-Jährige nichts wissen.

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Ihre Lebensgeschichte zwischen Buchdeckeln, Ihr Porträt neben jenen von Nobelpreisträgern, Künstlern und Erfindern – fühlen Sie sich geehrt? Köbi Siber: Geehrt und erleichtert. Die Leute sagten mir immer wieder, ich solle mal ein Buch über mein Leben schreiben. Das stand als Auftrag im Raum. Jetzt
ist es geschafft. Ursprünglich wollten Sie selber in die Tasten greifen. Es stimmt, ich versuchte es selbst. In Aathal, wo ich wohne und arbeite, war das unmöglich. Also quartierte ich mich in einem Hotel in Rapperswil ein. Ich schrieb vier, fünf Tage lang und merkte: Fürs ganze Buch benötige ich drei Monate – und brach ab. So viel Zeit hatte ich nicht. Ich hatte zu viel anderes am Laufen. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Max Meyer? Per Zufall stiess ich an einer Klassenzusammenkunft auf meinen Primarschulkameraden Max Meyer, der seit seiner Pensionierung Bücher schreibt. Es war die ideale Kombination. Wir trafen uns während rund 20 Wochen an einem Nachmittag pro Woche. Ich erzählte, er wandelte es in akzeptables Deutsch um und machte ergänzende Interviews mit Leuten aus meinem Umfeld. Erkennen Sie sich wieder? Ja. Auch wenn mein Leben im Schnelldurchgang wiedergegeben 
wird. Es gäbe noch viel zu erzählen. Wichtig war mir, alle Seiten meines Lebens aufzuzeigen. Viele kennen nur eine: jene des Vaters, des Mineralienhändlers, des Museumsdirektors, des Sauriergräbers. Ich wollte über mein Zickzackleben informieren, das ich zuerst mit schlechtem Gewissen führte, bis ich erkannte, wie wichtig im Leben Umwege sind. Ich möchte den Leuten Mut machen, ihr Leben zu leben. In jungen Jahren waren Sie Hippie und Partynudel. Was davon steckt noch im Ehrendoktor und Museumsdirektor? Ich habe tatsächlich nichts ausgelassen. Heute ist es weniger das Partymachen, eher die Tatsache, dass ich immer wieder Neues anpacken will. Bin ich drei, vier Monate in Aathal, beginnts zu kribbeln, suche ich ein Projekt, das mich ins Ausland führt. Ich fühle mich am besten, wenn ich unterwegs bin. Ihr Leben nahm viele unerwartete Wendungen. Welche war am einschneidendsten? Als ich, der bärtige langhaarige Hippie, mit meinem Vater das Mineraliengeschäft gründete. Mein Vater und mein Bruder waren nicht begeistert von Fossilien, dem Geschäftsfeld, das ich aufbauen wollte. Später sagte mein Vater einmal zu mir: Du kannst ein «Jacques Cousteau der Fossilien» werden. Das gab mir Mut, und es ging dann tatsächlich in diese Richtung. Sie waren und sind oft auf Reisen – geschäftlich und ferienhalber. Wo ist die Welt am schönsten? Eigentlich immer dort, wo ich gerade bin. Dabei verbinde ich das Nützliche mit dem Angenehmen. Ich lebte in Peru, war über 100-mal in den USA. Aber ich bin auch immer wieder gerne heimgekommen ins Aatal. Für mich ist nicht die Umgebung wichtig, sondern die Aufgabe. In meinem Museum kann ich alles, was ich gelernt habe, anwenden: das Wissenschaftliche, das Künstlerische, das
Kommerzielle. 50 Jahre lang war ich ein Suchender. Erst mit dem Museum wusste ich: Das ist es.  Ihre Liebe für Veränderungen geht so weit, dass Sie im Klimawandel kein Problem sehen. Das Leben ist Veränderung. Man muss eine positive Einstellung dazu haben. Sie zu bekämpfen führt zu nichts. Der Mensch muss kreativ und spielerisch reagieren, nicht mit Verboten und Schuldzuweisungen. Ich setze auf technische Lösungen der Umweltprobleme. Auch privat setzen Sie auf Veränderung. Sie galten schon in der Schule als Frauenheld. Als Teenager konnte ich besser mit Mädchen diskutieren. Als Frauenheld empfand ich mich damals nicht. Eine feste Beziehung hatte ich erst mit 28, als andere längst verheiratet waren. Mit meiner ersten Partnerin, einer Schweizerin, habe ich zwei Kinder, mit der zweiten, einer Amerikanerin, ebenfalls. Die dritte, eine Peruanerin, brachte drei Kinder mit, die vierte, eine
Kamerunerin, mit der ich heute zusammenlebe, eines. Das tönt nach 68er-Leben. Ja, und es war in Aathal möglich. Hier fand ich den Freiraum, den ich brauchte. Wir konnten Partys feiern, die Musik aufdrehen, ohne dauernde Kontrolle der Nachbarn. Das ist auch heute noch so. Mit meinen Partnerinnen wäre ich vielerorts angestossen. Ich wohne noch immer in einer einfachen Wohnung. Die Freiheit ist mir wichtiger als ein Einfamilienhaus. Trauern Sie dem Umstand nach, dass Sie nie ein Studium abgeschlossen
haben?
Nein. Heute bin ich stolz darauf. Ein Ehrendoktor ist mehr wert. Aber es stimmt: In jungen Jahren hätte mir ein Titel geholfen, etwa wenn ich als Nobody an die Türen von Museen klopfte. So musste ich halt auf andere Art beweisen, dass ich seriös arbeite. Dabei beherzigte ich einen Tipp meines Vaters: Gib immer fünf Prozent mehr, als man erwartet. Reich sind Sie trotzdem geworden. Sie bauten ein Museum auf und betreiben es ohne Subventionen. Ich habe nicht unbeschränkt Geld, wie manche meinen. Alles, was da ist, musste ich durch Fossilienfunde erschaffen. Ich verdiene nicht mehr als der Durchschnittsschweizer und wohne in einer einfachen Mietwohnung. Und ich hatte Glück. Die ehemalige Spinnerei konnte ich dank der damaligen Rezession für 1,6 Millionen Franken kaufen. Sie gelten als grosser USA-Fan. Dabei machten ihnen ausgerechnet die Amerikaner den ganz grossen Triumph, den sensationellen Fund des Allosaurus «Big Al», madig. Ich studierte in den USA. Der Lebensstil, aber auch das Pionierhafte begeisterten mich. Als Gast fühlte ich mich immer sehr willkommen. Doch als ich mehr Erfolg hatte als einheimische Sauriergräber wurde ich zum Konkurrenten, den man bekämpfte. Es ist das Schicksal vieler Schatzgräber: Solange sie nichts finden, lässt man sie gewähren, finden sie etwas, heisst es sofort: Das gehört der Allgemeinheit. Dass ein Ausländer den damals besterhaltenen Raubdinosaurier ausgegraben hatte, damit taten sich die Amerikaner schwer. Ihre Biografie ist erschienen, Sie sind mit 72 Jahren längst im Pensionsalter. Wollen Sie kürzertreten? Nein. Ich bin froh, ist das nun erledigt. Jetzt kann ich mich wieder um anderes kümmern. Ideen habe ich noch viele. Zum Beispiel? Ich möchte einen neuen, repräsentativeren Museumseingang bauen. Doch diese grösste Veränderung der letzten zehn Jahre kostet rund zwei Millionen, die ich nicht allein finanzieren kann. Jetzt suche ich Geldgeber. Mit anderen Worten, es gibt irgendwann einen zweiten Teil der Biografie.  Vielleicht. Für mich persönlich ist das letzte Kapitel sicher noch nicht geschrieben. Eintauchen in eine vergangene Welt Im Sauriermuseum in Aathal können Dino-Fans ab 4 Jahren 20 Originalskelette und über 30 Sauriermodelle sowie weitere Exponate bewundern. Darunter sind neun von Museumsgründer Köbi Siber und seinem Team selbst ausgegrabene Originalskelette, die als weltweit
einmalig gelten. Diese Skelette wurden in Wyoming, USA, geborgen und dann in mehreren Tausend Arbeitsstunden im Sauriermuseum präpariert. Die Funde werden im Museum nicht nur präsentiert, sondern die Lebensweise der Saurier wird auf vielfältige Art und Weise erlebbar gemacht. So bekommen die Besucherinnen und Besucher eine Ahnung davon, wie die Riesen vor Millionen von Jahren gelebt haben könnten. Die aktuelle Spezialausstellung trägt den Titel «Dinoptikum». Köbi Siber hat das Museum 1992/93 – ohne öffentliche Gelder – in einer ehemaligen Spinnerei aufgebaut. sat Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 10 bis 17 Uhr, Sonntag 10 bis 18 Uhr. Anreise: Mit der S14 ab Hauptbahnhof Zürich bis zur Station Aathal. 10 Minuten Fussweg bis zum Museum (ausgeschildert). Eintrittspreise: 21 Fr., Kinder von 5 bis 16 Jahren: 11 Fr., Familien: 56 Fr. www.sauriermuseum.ch

Erstellt: 15.11.2014, 00:00 Uhr

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