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Agent Provocateur

Frank Zappa machte Musik auf einem Niveau, von dem die übrige Rockwelt weit entfernt war. Er starb am 4. Dezember 1993 – Erinnerung an einen der originellsten, kreativsten und begabtesten Künstler der Musikszene.

Frank Zappa soff nicht, nahm keine harten Drogen und hatte auch nicht Sex mit 5000 Frauen – aber er wollte unbedingt für das Amt des Präsidenten kandidieren. Für die konservativen Kräfte Amerikas war das wie ein Stich in eine offene Wunde. Kein Künstler war bei ihnen so sehr verhasst wie der Polit- rebell aus dem US-Bundesstaat Baltimore. Von seinen Fans wurde Zappa hingegen als «Obermutter aller Freaks» gefeiert. «Kein Akkord ist hässlich genug, all die Scheusslichkeiten zu dokumentieren, die von der Regierung in unserem Namen verübt werden», sagte Zappa einmal. Lästereien wie diese gehörten zum Standardrepertoire des Gitarristen, Sängers, Satirikers und hintergründigen Chronisten seiner Zeit.

So unterschiedlich das musikalische Œuvre des Allroundgenies Frank Zappa, so eindeutig die Kritik des Bürgerschrecks an den gesellschaftlichen Verhältnissen in den USA. Wegen seiner oftmals derben Texte wurde er immer wieder der Pornografie bezichtigt und in Prozesse verwickelt. Wohl kein anderer Rock­autor hat mit so vielen sexuellen Tabus gebrochen. Die laut Zappa prüden Moralvorstellungen des Bürgertums durchziehen denn auch ein bis heute einzigartiges Werk. Es entstand zwischen 1965 und 1993 und wuchs auf über 60 Einfach-, Doppel- und Dreifachalben zwischen Jazz, Rock, Pop und avantgardistischer E-Musik an. Nicht mitgerechnet die unzähligen Archivaufnahmen, die seit seinem viel zu frühen Tod am 4. Dezember 1993 erschienen sind.

Verhasstes Spiessbürgertum

Mit ständig wechselnden Musikern entstaubte Frank Zappa den konventionellen Rocksound, brach mit allen Klischees und blieb dabei fast immer ein Aussenseiter. Schon in den frühen 70ern gründete er das Label «Dis- creet», um seine Unabhängigkeit zu wahren. Manchmal verwertete er sogar den musikalischen Schrott, den seine Zeit hervorbrachte, um damit gezielte zynische Angriffe gegen das verhasste Spiessbürgertum zu fahren. Eines seiner erfolgreichsten Projekte, die Albumtrilogie «Joe’s Garage», erzählt die Geschichte eines Musikers, der mit dem Gesetz in Konflikt gerät, nur weil er zu laut Gitarre spielt. In diesem Sinne zu verstehen ist auch die bekannteste Fotografie des Amerikaners griechisch-italienischer Abstammung: Sie zeigt ihn mit heruntergelassenen Hosen auf einer Toilette.

Lust am Happening

Mit ihrem Debüt «Freak Out» legten Frank Zappa und seine legendäre Gruppe The Mothers of Invention das erste Konzeptalbum der Rockgeschichte vor. Der musikalische Seitenhieb auf die kalifornischen Blumenkinder offenbarte schon 1965 all jene Einflüsse, die die späte Phase des grossen Experimentators dominieren sollten. Symphonische Spinnereien zwischen Varèse, Schönberg, Bartók und Strawinsky verschmelzen mit minimalistischen Avantgarde-Ansätzen und verwirrenden Rock-Breaks. Auf der Bühne präsentierten die angsteinflössenden Freaks um den zottelhaarigen Zeremonienmeister ein provozierendes und obszönes Rocktheater, immer am Rande des musikalischen Wahnsinns. Ein aufmüpfiger und überdrehter Sound, der seine Lust am Happening offen auslebte. Neben den Mothers of Invention wirkten selbst die Rolling Stones wie brave Schuljungen.

Ausgerechnet in einem Ex-Beatle sollte Zappa einen Gleichgesinnten finden. 1971 wirkte der Gitarrist bei den legendären Konzerten von John Lennon und Yoko Ono in New York mit. Zuvor hatte er die satirische LP «We’re Only in it for the Money» veröffentlicht. Für das Cover – eine schrille Karikatur von «Sergeant Pepper» – musste er sich die Erlaubnis der Beatles holen. Erstaunlich allerdings das Geständnis, dass der wohl grösste Provokateur der Rockwelt niemals ein Buch in die Hand genommen habe. «Ich kann Bücher nicht ertragen», gestand er in einem Interview. «Ich werde immer gebeten, Vorworte zu schreiben. Aber wenn ich dann anfange, ein Buch zu lesen, gebe ich meist nach drei Absätzen auf.» Anregungen und Informationen pflegte sich der Perfektionist aus dem Fernsehen zu holen. Bei seinem allabendlichen «Nachrichten-Bad» lief stets der Videorekorder mit. Zappa bevorzugte die «überlegenere Lebensform eines Silberfisches»: tagsüber schlafen, nachts leuchten.

Am erfolgreichsten war Zappa ausgerechnet zu einer Zeit, als der Punk explodierte und die Helden der 1960er- und 1970er-Jahre als langweilige alte Fürze abgetan wurden. Mit seinem wohl kommerziellsten Album «Sheik Yerbouti» erreichte der Neutöner dank des Diskothekenrenners «Bobby Brown» unverhofft ein Massenpublikum. Der ungewohnt populäre Sound war allerdings nur Mittel zum Zweck. In bitterbösen Worten geisselte der Zyniker Zappa die gestylten Jungkonsumenten der ausklingenden 1970er als Tanztrottel.

Am Ende der Frack

Mitte der 1980er hatte sich seine ordinäre Anarcho-Sprache endgültig überlebt und seine Gitarre rückte wieder mehr in den Vordergrund. Die energischen und melodischen Improvisationen, die nie etwas von ihrer Faszination eingebüsst haben, liessen nun auch die offiziellen Rockbeauftragten aufhorchen. Bezeichnenderweise erhielt er seine Grammys jeweils «nur» für In- strumentalplatten. Obwohl er zeit seines Lebens an einer unverwechselbaren Klangsprache ar­bei­te­te, wurde der Gitarrist Zappa niemals so einflussreich wie etwa Jimi Hendrix. Dafür war sein Stil einfach zu individuell.

Die erwachsene Phase des Maestros stand vor allem im Zeichen der Verschmelzung von E- und U-Musik. Kooperationen mit den Stardirigenten Pierre Boulez und Kent Nagano zeugen von einem nach allen Seiten offenen System. Für sein letztes Projekt zog sich der ewige Rebell schliesslich doch noch den Frack an, über den er sich 30 Jahre lang mokiert hatte. Die klassische Suite «The Yellow Shark» im Geiste von Kurt Weill und Pierre Boulez wurde 1991 gemeinsam mit dem Frankfurter En­sem­ble Modern auf die Bühne gebracht. Bei der Premiere war er bereits so sehr vom Krebs gezeichnet, dass er den Taktstock an seine Tochter Moon Unit übergeben musste. Am 4. Dezember 1993 starb Francis Vincent Zappa im Alter von 52 Jahren in seinem Haus im kalifornischen Laurel Canyon. Unzählige Coverbands und Zappa-Festivals profitieren von der Legende.

Alles über Frank

Daniel Rohr interpretiert Songs und Texte von Frank Zappa aus Interviews, Live-Auftritten und aus der Autobiografie Frank Zappas – zu einem komischen und musikalischen Abend lädt das Theater Rigiblick am 5. Dezember um 20 Uhr.

CD-Tipp

Frank Zappa: Roxy by Proxy

(76 minutes of never-be- fore-released Frank Zappa master recordings from the Roxy Performances of 9 & 10 December 1973)

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